Skip to content.

Herbert Grönemeyer

You are here: Home » Zeitungsberichte » Es kommt das Jahrhundert der Mitmenschlichkeit
Personal tools

Es kommt das Jahrhundert der Mitmenschlichkeit

Document Actions
Herbert Grönemeyer über den großen Erfolg seines Albums "Mensch", öffentliche Trauer und seinen patriotischen Spionageauftrag.

Es ist die erfolgreichste Platte in Ihrer über 20jährigen Karriere und eine der erfolgreichsten deutschen Platten überhaupt: Mehr als 2,5 Millionen Mal hat sich "Mensch" seit September verkauft, in zwei Wochen werden Sie dafür wohl den Echo erhalten. Seit dieser Platte liebt Sie ganz Deutschland. Herr Grönemeyer, wie fühlt sich das an?

Ich kriege das nicht so mit, weil ich in England lebe. Aber natürlich bin ich überwältigt von dem ganzen Zuspruch, von der Euphorie, auch bei der Tournee, das hat uns ja alle überrannt.

Innerhalb weniger Tage waren Ihre Konzerte ausverkauft. Über den Abend in Berlin jubelte der "Spiegel", das sei eines der schönsten Feste gewesen, das dieses Land seit langem gesehen habe.

Bei der "Bleibt alles anders"-Tournee vor fünf Jahren hatten wir 650 000 Zuschauer, das war sicher auch keine erfolglose Tour, aber durch meine persönliche Geschichte und dadurch, daß die bekannt ist, hat sich auf jeden Fall etwas verändert. Ich bin öffentlicher geworden. Die Leute denken, sie wüßten mehr von mir.

Auf "Mensch" singen Sie über den Tod Ihrer Frau. Würden Sie zustimmen, daß es Ihre persönlichste Platte ist?

Die persönlichste Platte in einer trauernden und traurigen Richtung, so würde ich es sagen. Andere Platten wie zum Beispiel "Bochum" waren auch sehr persönlich, in einer ganz anderen Zeit. Hatten so etwas Ungestümes, waren heiter und positiv und verliebt. "Mensch" ist im Grunde der Gegenpol dazu. Den Leuten blieben meine früheren Lieder vielleicht ein wenig verschlossen, weil sie gar nicht wußten, wovon ich da eigentlich singe. "Bleibt alles anders" wäre wohl auch eine abstrakte Platte geblieben, wenn das Leben so weitergegangen wäre, wie wir uns das erhofft hatten. Nur leider ging das nicht, dadurch kriegte diese Platte im nachhinein eine andere Wahrheit. Durch so einen Bruch im Leben, so eine Katastrophe ändern sich die Dinge, werden tiefer. Auf jeden Fall war "Mensch" die intensivste Platte, die ich je gemacht habe - anderthalb Jahre im Studio, um jede Zeile gekämpft. Ich habe mich unheimlich zusammengerissen, und ich denke, das spürt man vielleicht. Es steckt sehr viel Energie in der Platte, sehr viel Kraft. Und eben auch der Versuch, wieder aufzubrechen.

Macht es verletzlich oder stark, mit seiner Trauer an die Öffentlichkeit zu gehen?

Trauer ist ein Bestandteil des Lebens. Das gehört dazu wie Verliebtsein und Glücklichsein - es ist die andere Seite, nichts anderes. Daß man verlassen wird oder daß jemand stirbt, gehört ganz natürlich zum Leben dazu, und wir alle müssen uns früher oder später damit beschäftigen, ob wir wollen oder nicht. Und oft wollen wir nicht. Oft wird mit Sterben ja auch ein Scheitern verbunden - man hat es nicht geschafft, oder man war nicht stark genug. Was man dabei übersieht, ist, daß zum Sterben unheimlich viel Kraft gehört. Man stirbt nicht so einfach, das ist ein ziemlich komplizierter Vorgang. Ich habe mein Trauern öffentlich gemacht, aber ich glaube nicht, daß ich dadurch verletzbarer geworden bin. Ein Lied wie "Der Weg", da mache ich ja keine voyeuristische Nabelschau. Ich versuche nur das Gefühl zu singen. Und gleichzeitig über die Liebe, über das Großartige, das Anna hatte, und das bleibt ja, das wird mich nie verlassen. Es ist ein trauerndes Liebeslied.

"Ich gehe hier nicht weg, hab meine Frist verlängert / Neue Zeitreise, offene Welt / Habe dich sicher in meiner Seele / Ich trag dich bei mir bis der Vorhang fällt": die letzte Strophe. Angeblich haben Ihre Kinder Sie erst überreden müssen, das Lied auf die Platte zu nehmen.

Als sie das zum ersten Mal gehört haben, waren sie ganz niedergeschmettert und still. Ich dachte, oh Gott, was hab' ich da geschrieben, das kann ich unmöglich veröffentlichen. Aber dann haben sie sich berappelt und beide gesagt, du hast das geschrieben, nun mach das auch!

Fällt es Ihnen schwer, dieses Stück live zu singen?

Ich ziehe mich dabei in mich zurück und nehme eigentlich kaum wahr, was um mich herum passiert. Natürlich gibt es bei jedem Auftritt Momente, in denen ich ein bißchen wegknicke, in denen die Traurigkeit kommt. Das muß aber nicht bei "Der Weg" sein, das kann auch bei "Ich dreh mich um dich" passieren oder "Land unter". Es gibt sehr viele Lieder, die für mich natürlich eine ganz eigene Geschichte haben, selbst "Flugzeuge im Bauch". Das ist aus einer ganz spezifischen Situation heraus entstanden, nur weiß das keiner. Bei "Der Weg" wissen sie jetzt, worum das geht. Ich versuche eben, dieses Lied so einfach und ruhig zu singen, wie ich es auch geschrieben habe. Und dann ist aber auch gut, und dann geht's weiter.

Die Single "Mensch" kam von Null auf Platz 1 in den deutschen Charts - die erste Nummer 1 in Ihrer Karriere.

Im Fernsehen haben sie es immer zur Flutkatastrophe gespielt, das hat nicht so ganz gepaßt, fand ich. Vor allem die Zeile "Nach der Ebbe kommt die Flut" wirkte da eher zynisch. Ich behaupte, dieses Jahrhundert wird das Jahrhundert der Mitmenschlichkeit. Die ist uns im letzten Jahrhundert verlorengegangen, und die vermissen wir alle. Diese Ich-AGs und Jeder-alleine-für-sich-und-dann-erzählen-wir-uns-alle-wie- erfolgreich-wir-sind, das interessiert doch keinen mehr. Das Zentrale ist, glaube ich, die Sehnsucht danach, sich mit Leuten hinzusetzen und zu quatschen, und dann geht man nach Hause und sagt, ja, war ein schöner Abend, ich habe wieder etwas verstanden. So eine einfache Mitmenschlichkeit. "Mensch" war für mich eine Danksagung an die Leute, die mir in dieser schwierigen Zeit geholfen haben, zuversichtlich zu werden.

  1. wurden Sie in einem Interview gefragt, was Ihre Botschaft sei, Ihre Antwort: "Ich will bewirken, daß die Menschen mehr in Frage stellen, auch sich selbst und ihre Idole." Gilt das noch?

Eine Botschaft habe ich heute nicht mehr. Ist ja auch sehr achtziger Jahre. Friedensbewegung, Parka und Lieder mit Botschaft. Damals hieß es immer, Sie müssen doch mit Ihrer Musik irgend etwas bewirken wollen, immer wurde einem ein Lehrauftrag unterstellt. Ich will gar nichts bewirken. Ich will einfach nur, daß Leute die Platte hören, daß sie ihnen gefällt und daß sie sich dann für zehn Minuten besser fühlen. Eine andere Botschaft habe ich nicht.

Das Lied "Neuland" befaßt sich mit Deutschland. "Ich mag dieses Land, ich mag die Menschen, ich mag nicht den Staat", heißt es darin.

In Deutschland herrscht gerade eine solche Niedergeschlagenheit, da wundert man sich schon, woher die kommt. Ohne jetzt etwas schönreden zu wollen, aber wenn man in letzter Zeit nach Deutschland kommt, denkt man, da ist die Depression ausgebrochen. Dabei geht es den Deutschen im Vergleich zu den Engländern wunderbar. Ich probiere schon, mit meiner Platte auch Hoffnung zu machen. Zu sagen: Man muß lernen, nicht auf die Regierung oder irgend jemanden zu warten, der einem sagt, wie es einem geht und was man zu tun hat. Bevor die Engländer anfangen, über die Regierung zu motzen, motzen die erst mal über sich selber. Die sagen, also entweder ich mache das Beste aus meinem Leben oder nicht, und wenn ich das nicht hinkriege, dann bin ich selber dafür verantwortlich. Da ist dann nicht der Schröder schuld.

Wenn Sie heute alte Lieder hören, wie "Männer" - wer singt da?

Ein anderer Grönemeyer. Ich habe mich in den Jahren schon verändert. Hoffe ich. "Männer" würde ich heute sicherlich nicht mehr so schreiben, über den Text kann man ja streiten. Und wie ich damals aussah, wie ich mich bewegt habe, wie ich auf der Bühne völlig verhärmt rumstand. Es gibt einen schönen Auftritt von mir bei "Rock Pop in Concert", das war eine Musiksendung im ZDF, bei der man live in der Dortmunder Westfalenhalle auftrat. Da gibt es einen Mitschnitt, wo ich zum ersten Mal "Männer" live spiele. Ich habe ein türkisfarbenes Sweatshirt an, fange an zu spielen, mit einemmal singen die Leute im Publikum mit, und da erschreck' ich mich fürchterlich. Das kann man richtig sehen - wie ich in diesem Moment zur Seite gucke und denke, was ist denn jetzt los. Ich habe da auch noch ganz anders gesungen, ganz hoch, ich dachte damals, das sei ein Zeichen von, keine Ahnung, Wildheit? Das ist einfach eine andere Person. Nach dem Ende der neunziger Jahre ist für mich eine neue Zeit angebrochen. Alles hat sich gedreht.

Ihre Frau starb 1998. Wie geht es Ihnen heute?

An sich geht's mir ganz gut. Es geht voran, wie es in der berühmten Nummer von der Band Fehlfarben heißt. Ich denke, daß ich nach vorne gucke, mit Zuversicht nach vorne gucke. Ich habe zwei wunderbare Kinder, das ist das größte Geschenk, das ich habe. Ich habe gute Freunde. Also, auf jeden Fall laufe ich nicht mehr rückwärts.

Wenn Sie heute an Ihre Frau denken, welches Gefühl überwiegt? Dankbarkeit, Liebe, Traurigkeit?

Die Liebe, denke ich. Die Liebe überwiegt kraft des Glücks, daß ich mit ihr so lange zusammensein durfte. Daß es sie gibt in meinem Leben. Daß sie nach wie vor vorhanden ist. Wir waren zwanzig Jahre zusammen, mit allem, was dazugehört, und wenn da der eine stirbt, entsteht eine irrsinnig komplizierte Mischung aus Gefühlen. Da ist auch Wut, und man ist sauer, und man geht rückwärts und denkt über die Dinge nach, die man selber falsch gemacht hat, und überlegt sich, ob der andere womöglich noch am Leben wäre, wenn man sich anders verhalten hätte. Andersrum findet man natürlich auch Dinge beim anderen, die einem nicht gepaßt haben, die man jetzt nicht mehr klären kann. Da hindurchzufinden ist ein ziemlich langwieriger Prozeß, und was jetzt einfach übrigbleibt, ist eine große Dankbarkeit, ein großes Gefühl von Glück und eine große Liebe, daß dieser Mensch existiert hat und für mich natürlich nach wie vor existiert. Es war ein schwerer, ein langer Weg, aber übrig bleibt die Liebe, und das ist schön.

Fortsetzung auf Seite 20

Sie haben nach dem Tod Ihrer Frau gesagt, Sie wüßten nicht, ob Sie je wieder Musik würden machen können. Wann war klar, es geht weiter?

Der Knackpunkt war das Lied "Kein Pokal". Das war die erste Nummer, die ich geschrieben habe, die wieder ein bißchen Dynamik kriegte, da war plötzlich wieder eine gewisse Energie da. Da habe ich zum ersten Mal Morgenluft gewittert. Die Stücke, die ich davor geschrieben habe, bestimmt zehn, fünfzehn Stücke, waren alle sehr traurig, sehr düster und schwer. Dann "Mensch" - das habe ich während der Proben ganz schnell so geklimpert, und als wir das mit der Band aufnahmen, wußten wir sofort, das ist die Single. Da gab es noch gar keinen Text dazu. Das waren die Momente, in denen mir klar wurde, daß ich die Platte nicht nur mit traurigen, nachdenklichen Liedern vollpacken werde. Ich habe gemerkt, ich komme wieder zu meinem alten Temperament zurück.

Kann Musik einen retten?

Auf jeden Fall, also bei mir war das so. Musik löst Krämpfe, das ist wie eine Meditation, wie Atmen und Singen. Manchmal kann Musik einen auch wieder zurückschmeißen und traurig machen - aber sie gibt einem schon Kraft. Rupert Neudeck von Cap Anamur hat mir einen sehr schönen Brief geschrieben - als sie auf dem Weg waren, um die vietnamesischen Flüchtlinge zu retten, haben sie an Bord sehr oft die Platte "Bochum" gehört, zur Motivation. Die hätten immer ganz laut aufgedreht, und die Musik hätte ihnen gutgetan. Fand ich klasse. Daß mir die Musik abhanden kommt, das war meine größte Angst im ersten Jahr nach Annas Tod. Wenn ich das auch noch verloren hätte. Deswegen war es so unheimlich wichtig für mich, diese Platte zu machen.

Als nächstes schreiben Sie die Musik zu Robert Wilsons Inszenierung von Büchners "Leonce und Lena" am Berliner Ensemble.

Premiere ist am 1. Mai, die Proben beginnen Mitte März, ich muß mich also ranhalten. Ich dachte erst, ich soll nur die Musik machen - ich soll aber auch die Texte schreiben. Wie ich das genau mache und was das dann letztlich mit Büchner gemein haben wird, weiß ich noch nicht. Wilson hat von Büchner ja schon den "Woyzeck" gemacht, mit Musik von Tom Waits. Der hatte es etwas leichter, weil er die Texte auf englisch geschrieben hat - ich muß mal gucken, wie frei ich da sein kann.

Wie wichtig sind Ihnen Texte?

Am Anfang war mir das gar nicht wichtig - ich hab' einfach meine eigenen Texte geschrieben, weil ich niemanden gefunden habe, der mir das abgenommen hätte. Nun bin ich kein großer Geschichtenerzähler - was ich schreibe, entsteht schon sehr stark aus mir heraus. Und um so mehr es mir da gelingt, das zu entkrampfen, um so besser ist es. England hilft da natürlich, weil man hier sehr verspielt mit Sprache umgeht. Sprache ist hier eher ein Tennisspiel. Man muß schnell sein, und jeder hat immer einen kleinen schnippischen Satz zur Hand, der nicht ganz so ernst gemeint ist. Dadurch verliert man ein bißchen das Gefühl, man müßte mit jedem Satz etwas ganz Präzises ausdrücken. Hinzu kommt, daß man im Exil natürlich noch patriotischer wird, als man vorher war. Die deutsche Sprache wird einem so was von wichtig, man liest jede Zeitung, saugt jedes Wort auf. Ich komme mir manchmal vor wie ein Spion hier. Wenn ich abends am Schreibtisch sitze und Texte schreibe, dann denke ich manchmal, ich habe hier einen Spionageauftrag.

Herr Grönemeyer, kann es sein, daß Sie in Wahrheit viel heiterer sind, als man gemeinhin immer so annimmt?

Es hat schon ein bißchen genervt über die Jahre, dieses ständige: Sagen Sie mal was zum Land, zur Nation. Man redete wenig mit mir über meine Musik, schon gar nicht über die Texte, es wurde immer sehr schnell ernst. Da kann ich dann auch einsteigen, kein Problem, aber wer einmal bei einem Konzert war, der weiß, daß ich nicht versuche, die Leute als Politbarde zu befeuern, sondern da einen Abend veranstalte, der eine gewisse Leichtigkeit hat und Schnelligkeit und auch Spaß macht. Wer mich kennt, weiß, daß ich eigentlich eher nerve mit meiner doch relativ ungebrochenen Heiterkeit.



Created by admin | Last modified 01.01.2006 19:35

1058907527

Posted by Herbertulli at 22.07.2003 13:58

Auch ich bin absolut von dem gefesselt, was Herbert sagt. Er hat eine wahnsinnig seltene Gabe finde ich, denn er kann sich wahnsinnig gut ausdrücken. Seine Worte haben mich vor allem bei dem Interview mit Roger Willemsen vom ersten Moment an mitgerissen. ich konnte nicht aufhören zu lesen und merkte bei dieser ganzen Faszination nicht einmal, dass ich selbst weinte. Er ist so bewundernswert, dass ich es gar nicht versuchen will in Worte zu fassen.

zum interview!

Posted by sternche at 06.06.2003 05:53

also ich bin richtig fastziniert vo nden interviews! ich bin 15 und mich überrascht wie mich diese interviews fesseln!herbert ist so der erste, der, wenn er erzählt, nach denkt! ich meine, die statements sind so überlegt! ich bin einfach nur hin und weg! ich war am30.05 in ludwigshafen auf dem konzert! ich glaub ich bin so ziemlich der größte fan! das war mein aller erstes konzert und mein größter wunsch ist es ihn persönlich zu treffen, aber das sit wohl nur ein traum...:-) also noch einen schönen dank und herbert: respekt und ein großes und dickes lob an dich!!!!!!!!!