Menschenfreund
OÖ Nachrichten: Dass du mit deinen Alben Platz 1 der Hitparade belegst, ist nicht neu. Mit "Mensch" ist dir erstmals ein Top-Single-Hit gelungen. Kannst du diesen Erfolg nachvollziehen?
Herbert: Nein, im Moment nicht. Das mit der Single "Mensch" hat mich völlig verblüfft. Wir hatten noch nie so einen Erfolg.
OÖ Nachrichten: "Mensch" ist der Song, der stellvertretend für das ganze Album steht. Dass Herbert Grönemeyer über Menschen und Gefühle singt, war man gewohnt. Aber selten in der Intensität wie beim neuen Album, das von Verlust und der Trauer geprägt ist. Es ist eine Liebeserklärung an deine Frau. Zeigt dieses Album den Menschen Grönemeyer nach diesen Schicksalsschlägen?
Herbert: Es ist auf der einen Seite sicherlich eine Liebeserklärung an meine Frau. Es ist der Versuch, dieses Trauma und diese Trauer zu beschreiben, andererseits aber auch einen Weg, da raus zu finden. Damit klarzukommen, dass der Tod und der Verlust ein Teil des Lebens sind. Das kann ich heute etwas nüchterner sagen als vielleicht vor einem Jahr. Dies irgendwie für das Leben zu akzeptieren, ist nicht einfach, aber es ist kein Thema, das nur mich angeht. So gesehen ist es diese Gratwanderung zwischen Liebeserklärung und Dankbarkeit dafür, dass ich mit jemandem wie meiner Frau zusammenleben durfte. Andererseits, dass sie so viel Kraft hinterlassen hat, dass sie auch will, dass man wieder auf die Füße kommt und dass es einem gut geht. So gesehen habe ich immer gedacht, dass sie will, dass das Album gut wird. Das war auch eine Motivation und so gesehen steckt Zuversicht in dem Album. Nicht sehr viel, aber in Ansätzen.
OÖ Nachrichten: Ab wann warst du wieder bereit, zu schreiben und Musik zu machen?
Herbert: Meine Tochter hat nur gesagt, du hörst nicht auf zum Singen. Zum Schreiben gebracht hat mich letztlich mein Partner Alex Silva. Er hat gesagt ¸komm, Herbert, mach' jetzt, schreib' mal, komm' aus diesem Jammertal heraus`. Das war sehr motivierend, wieder anzufangen und zu schauen, dass die Stücke rockiger und energiegeladener werden. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass ich wieder schreiben konnte.
OÖ Nachrichten: Wie entstehen denn die Lieder?
Herbert: Im Grunde genommen sehr chaotisch. Wenn ich zu Hause schreibe, gehe ich ab und zu ans Klavier, klimpere herum, singe Harmonien dazu, gehe dann wieder woanders hin, kehre zurück. Es ist sehr fragmentarisch. Im Studio ist es genauso. Nur bei den Texten muss ich mich jeden Tag drei Stunden hinsetzen und schreiben. Auch mit dem Risiko, dass tagelang nichts geht.
OÖ Nachrichten: Wer deine Songs hört, denkt, dass Musik und Text parallel entstehen. Aber bei dir steht zuerst die Musik und erst dann schreibst du die Texte dazu.
Herbert: Ich habe früher Coverversionen-Bands gehabt. Dann habe ich in Bands gespielt, wo unter der Woche Musik für einen Gig am Wochenende geschrieben wurde. Die Frage war, was singen wir dazu eigentlich? So hat man sich dann nachts hingesetzt und irgendetwas auf Englisch, das ich kaum konnte, zusammengekritzelt. Und dann trat man am Sonntag auf wie Willi Wichtig vor 16 oder 32 Leuten. Das war immer mein Verständnis von Rockmusik: Man macht Musik und der Text kommt hinterher drauf. Das habe ich ins Deutsche übernommen. Wenn die Musik fertig ist, dann kann ich nicht mehr anders und muss texten. Und die Texte müssen mindestens so gut sein wie die Musik oder wenn es geht, noch besser.Ich gebe mir wahnsinnig Mühe, weil ein schwächerer Text kann auch gute Musik kaputt machen.
OÖ Nachrichten: Du lebst derzeit in London. Warum bist du dorthin gegangen?
Herbert: Das hatte mit meiner Frau zu tun, die aus Hamburg war. Dazu muss man verstehen, dass die Norddeutschen, speziell die Hamburger, ein enormes Faible für London haben. Für sie ist London das wahre Hamburg. Meine Frau wollte immer nach London, weil es sehr bunt ist. Dann wollten wir auch, dass die Kinder in einem anderen Land, einer anderen Kultur leben lernen. Und wir wollten auch als Familie eine Zeit lang in einem Land leben, wo uns keiner kennt. Im Nachhinein war es eine weise Entscheidung, weil man nach all dem, was sich dann ereignet hat, in dem Land unbeobachtet blieb.
OÖ Nachrichten: Du hast nach dem Tod deiner Frau Konzerte gespielt, wie in Wels, wo es vergleichsweise ruhig zuging. Man hatte das Gefühl, die Fans wollten dir zeigen, dass sie mit dir mitfühlen und hoffen, dass du nicht mit der Musik aufhörst. War das etwas Besonderes?
Herbert: An dieses Gefühl kann ich mich sehr gut erinnern. Das war nicht nur in den Konzerten zu spüren, sondern auch in den vielen Briefen. Da hieß es "du kannst dir Zeit lassen, so viel du willst, aber höre nicht auf". Das war sehr rührend.
OÖ Nachrichten: In "Viertel vor" geht es um Atomkrieg und den Weltuntergang. Hast du ein Jahr nach dem Terror vom 11. September Angst vor der Zukunft?
Herbert: Es ist so eine Mischung. Grundsätzlich bin ich ein Optimist und glaube an den Menschen und dass er lernfähig ist. Dass er, wie man an der Flutkatastrophe sieht, in Krisen auch zusammensteht. Sicherlich ist dieser Terrorismus eine überraschende Attacke auf die westliche Welt und bringt das Weltbild durcheinander. Auf der anderen Seite muss man sich auch Gedanken darüber machen, wie die westliche Arroganz bei den Muslimen einfach zu einer Wut führt. Und es geht letztlich schon um Ölinteressen am Kaspischen Meer. Ich denke, dass in Katastrophen auch Chancen liegen, weil der Mensch begreift, wie unmittelbar wir alle miteinander verbunden sind. Die globale Klimaerwärmung etwa macht vor niemandem mehr Halt. Wenn sich die Amerikaner weigern, die Klimaverträge zu unterschreiben, dann ist das einfach eine Unverschämtheit. Ich bin ein Menschenfreund. Ich glaube nach wie vor, dass der Mensch die Fähigkeit hat, die Welt am Leben zu erhalten. Ich sehe das mittlerweile etwas britisch. Die Engländer sind ein wenig gelassener und nicht gleich so panisch wie wir. Ich glaube an die Zukunft und habe zwei Kinder, denen ich das vermitteln muss. Mir ist also nicht bange um die Zukunft, auch wenn ich viele Dinge weiß, die auf dieser Erde nicht stimmen.
OÖ Nachrichten: Als politischer Mensch beobachtest du sicher auch die Politik in deiner Heimat. Wie siehst du denn Deutschland so kurz vor den Wahlen?
Herbert: Grundsätzlich denke ich, dass das Thema die Wiedervereinigung ist. Doch das kommt im deutschen Wahlkampf nicht vor. Das Kernproblem für Deutschland in den nächsten 50 Jahren ist, wie man es schafft, dieses Riesenland in irgendeiner Form so vielfältig wie möglich zu einen. Das ist irrsinnig schwierig, weil man vergisst, dass dies nie länger als 50 Jahre lang Bestand hatte. Deutschland ist 1868 gegründet worden und hatte 1914 schon den Ersten Weltkrieg. Dann kamen neue Grenzen und es dauerte nur 15 Jahre bis zur Machtergreifung Hitlers. Dann kam der Zweite Weltkrieg und das Land wurde geteilt. Jetzt ist es gerade wieder einmal 12 Jahre zusammen. Das ist ein völliges Tohuwabohu. Das unterschätzt man immer als Deutscher. Dieses Land ist schwierig zu einen, und darum kümmert sich keiner. Das zeigt einfach, dass die Politiker gar nicht mehr verstehen, worum es in diesem Land geht. Ich habe mich bei der ersten Debatte wirklich hingesetzt vor den Fernseher und den Kanzlerkandidaten zugehört. Ich habe aber nicht verstanden, was die mir erzählen wollen. Das versteht kein Mensch. Nicht weil sie doof sind, sondern weil die Politiker gar nicht wollen, dass wir sie verstehen. Das ist eine Form von Ignoranz. Am besten wäre es, wenn sie zu zweit regieren, aber sie sind nicht richtungweisend für das Land. Ich würde sie als Durchgangspolitiker bezeichnen. Als Ausläufer dieser Kohl'schen Dynamik.
OÖ Nachrichten: Hast du deshalb das Angebot abgelehnt, eine der TV-Debatten Schröder gegen Stoiber zu kommentieren?
Herbert: Was soll man da kommentieren? Die Leute sehen sowieso, wie die beiden sind. Ich hätte nur gesagt, ich habe deren Sprache nicht verstanden. Was ich vor vier Jahren zu Schröder gesagt habe, hat für mich heute immer noch Gültigkeit. An Kohl hat man sich wenigstens noch gerieben. Fatalerweise hat der Haider das ja auch. Da kann man nur sagen: "Du rückst nach rechts, bist eine Ich-AG, hast eine große Klappe und bist in der Lage, das ganze Land in Aufruhr zu versetzen". Bei Stoiber besteht auch die Gefahr, nach rechts außen zu driften, aber ansonsten versteht man ihn nicht. Nur "Bayern ist schön", das mag schon sein, aber es sagt mir nichts. Das ist Realsatire.
OÖ Nachrichten: Auf der Platte gibt es auch einen Hidden-Track, wo jemand Englisch singt. Was hat es damit auf sich?
Herbert: Da "Mensch" ein Familienalbum ist, hört man da die Band meines Sohnes. Da Marie auf "Mensch" den Chor singt, gab es natürlich eine Familiendebatte, was denn jetzt mit Felix ist. Dann habe ich gesagt, wenn ihr wollt', dann nehmen wir einfach eine Nummer von dir auf das Album. Wer den Bonus findet, erschrickt oder denkt, was ist denn hier los. Ich denke, für ihr eigenes Selbstverständnis ist das vielleicht schön.
OÖ Nachrichten
Last modified 01.01.2006 19:35