Ich wäre gerne glamouröser
Kind des Ruhrgebiets, verhinderter Schauspieler, populärster deutschsprachiger Musiker aller Zeiten. Herbert Grönemeyer ist längst jenseits von Gut und Böse. Gespräch mit einem Superstar.

Anlässlich der Veröffentlichung Ihrer neuen CD sagten Sie: „Ich habe unheimliche Angst, dass ich mir mit einem schlechten Text so eine Platte kaputtschieße.“ Ist Ihr Selbstvertrauen als Musiker denn größer als Ihr Selbstvertrauen als Texter?
Ja. Die Selbstzweifel sind da. Das hat mit meiner Geschichte und meinen Fähigkeiten zu tun. Ich habe mit zwölf, 13 Jahren begonnen, Musik zu machen oder, besser gesagt, vor mich hinzuklimpern. Ich wurde dann als Sänger durch verschiedene Bands gereicht und habe halt irgendwas Englisches gesungen. Aber ich hätte nicht daran gedacht, ernsthaft zu texten – geschweige denn, deutsch zu texten.
Wodurch hat sich das geändert?
Durch meine ersten beiden deutschsprachigen Platten habe ich gemerkt, dass ich selber ranmuss, wenn ich ernsthaft weitermachen will. Weil ich mit diesen Textern einfach nicht kann. Ich stehe Texten aber nach wie vor skeptisch gegenüber, weil sie die Musik kaputtmachen, wenn sie nicht gut genug sind. Ich habe Angst, ein Lied durch den Text anzubrennen. Es gibt auch Texte, wo ich zuerst einmal selber nicht genau weiß, was ich da geschrieben habe.
Am Beginn der neuen Platte steht mit „Stück vom Himmel“ ein sehr gewichtiges Lied, in dem es um Neoreligiosität und interkulturelle Barrieren geht. „Es wird zu viel geglaubt und zu wenig erzählt. Es sind Geschichten, sie einen diese Welt“, singen Sie da. Was genau ist damit gemeint?
Ich lebe in England, und England befindet sich im Krieg mit dem Irak. Die Engländer selbst sind extrem gegen den Krieg, sicher ausgeprägter als in Amerika, aber Tony Blair hat sich in einer Fernseh-Talkshow nicht entblödet zu sagen, er wäre nur Gott verantwortlich. Ich habe mir dann überlegt, wie das abläuft, wenn Bush und Blair miteinander telefonieren. Auf das Verkrampft-Menschliche heruntergekocht kann ich mir gut vorstellen, wie sie in ihrem Wahn sagen: „Die Menschen verstehen gar nicht, was wir hier machen. Wir versuchen doch, dem Islam zu zeigen, dass wir besser sind.“ Dem muss man das Szenario gegenüberstellen, dass eine englische und eine irakische Familie beisammensitzen, die beide ihre Kinder in diesem Krieg verloren haben. Da wird schnell klar, wie pervers dieses Götterthema ist. De facto sterben Menschen und de facto sind das unsere Kinder.
Bush und Blair scheinen eine eigene Definition von christlicher Nächstenliebe
zu pflegen.
Mit Religion hat das nichts mehr zu tun. Ich habe in Afrika selbst erlebt, dass nach wie vor mit der Bibel Entwicklungshilfe geleistet wird. Ich war bei einer Trauerhilfe für AIDS-Witwen, wo die christlichen Entwicklungshilfegruppen nach wie vor massiv missionarisch arbeiten: Die Witwen kriegen psychologischen Beistand, indem sie in der Bibel lesen. So nach dem Motto: Ich helfe dir, aber tritt doch bitte meinem Buchklub bei. Diesen Anachronismus kann man sich gar nicht vorstellen! Ich bin kein Spät-Öko, ich sehe das ganz pragmatisch: Diese Globalisierung von Problemen hat etwas Positives, weil man endlich begreifen muss, dass es nur gemeinsam funktioniert.
Man muss bei Ihren Ausführungen ständig an John Lennons „Imagine“ und diverse Hippie-Utopien von einer besseren Welt denken …
Es gibt in meinem Lied auch den kruden Satz „Die Erde ist freundlich“. Im Prinzip glaube ich, dass einen die Erde heute zu einer intensiveren Beschäftigung zwingt. Als Hippie hat man versucht, der Welt die Dinge klarzusingen, was damals aber auf taube Ohren gestoßen ist. So nach dem Motto: Die sollen singen, was sie wollen, sind ja ohnehin alle bekifft. Inzwischen können wir dem nicht mehr entfliehen – sei es durch immer neue Viren, die sich weltweit verbreiten, sei es durch Überschwemmungen, sei es durch Armutsbekämpfung, die Erderwärmung oder die globalisierten Medien.
Die Probleme scheinen sich vielfach nicht geändert zu haben.
Ja, aber sie haben eine andere Öffentlichkeit. Man kann heute auch den Normalbürger zu diesen Themen befragen, und im Gegensatz zu den Sechzigern hätte er ein differenziertes Bild und würde wohl zustimmen, dass nichts von alledem mehr national zu regeln ist. Darin sehe ich einen Vorteil, und deshalb denke ich, dass dieser neue Religionswahn der letzte Versuch ist, sich abzuschotten und Unterschiede herauszuarbeiten, die tatsächlich aber längst nicht mehr da sind.
Sollte die Generation der Kinder von Bush und Blair diesen Wahn überwinden, könnte der Laden besser laufen?
Das ist die Hoffnung. Die Generation meiner Kinder hat schon ein viel entspannteres Verhältnis zu ihrer nationalen Identität; sie sieht die Welt viel kompakter und selbstverständlicher.
Wurde Ihre eigene Identität durch das Leben in England aufgeweicht?
Nein, eher umgekehrt. Ich war in Deutschland weniger deutsch, als ich es
im Ausland bin.
Sie sind Teil der Initiative „Deine Stimme gegen Armut“, die man vor allem als politischen Mahner in Sachen Afrika-Entschuldung kennt. Ist diese Gruppe auch in Afrika selbst tätig?

Im Unterschied zu Kollegen wie Bono und Bob Geldof suchen Sie nie die Nähe zu Politikern, sondern legen Wert auf Distanz. Warum?
Wir haben verschiedene Ansichten, was vermutlich mit unserem kulturellen Background zu tun hat. Für mich ist es schwer vorstellbar, Rockmusik zu machen und dann einen Sir-Titel von der Queen anzunehmen. Aber ich komme auch aus einem republikanischen Denken und nicht aus einem monarchischen. Rockmusik hieß für mich immer, gegen das Establishment zu sein, zu nerven, zu provozieren, sich zu entziehen – und nicht, sich absorbieren zu lassen. Ich glaube aber nicht, dass ich deswegen besser bin als die. Bono und Geldof haben einen anderen Weg gewählt. Sie treffen sich ständig mit Politikern und versuchen, die zu überzeugen. Wir besprechen das auch untereinander, wenn wir uns sehen. Unser Zugang ist den Engländern und Amerikanern unverständlich. Aber wir sind damit auch erfolgreich.
Haben Sie sich immer als Rockmusiker verstanden? Gerade zu Beginn Ihrer Karriere standen Sie doch in einer gewissen Liedermachertradition.
Das ist nicht ganz richtig. Als Sänger liegen meine Ursprünge bei den Doors, Cream und Jimi Hendrix. Ich habe in Rockjazzbands à la Colosseum, Chicago oder Blood, Sweat & Tears gespielt. Aufgrund meiner Texte gehörte ich in den Achtzigern eher zur linksliberalen Liedermacherfraktion. Aber selbst „Bochum“ hat mit Liedermachertum nicht viel zu tun. Das eine ist, wie ich Musik mache, das andere ist das Denken dahinter. So etwas wie die Kölner Politrockband Floh de Cologne lag mir stets näher als die ganzen Franz Josef Degenhardts und Süverkrüps. Die Liedermacher waren mir immer zu dröge.
Trotz der teils sehr direkt vorgetragenen Kritik zeichnet Ihr Werk ein unbedingter Glaube ans Gute aus. Was bewahrt Sie davor, zum Zyniker zu werden?
Der Zynismus liegt immer knapp darunter, er bildet die Unterschicht zum Glauben ans Gute. Mein Vater hat immer gesagt: „Du hast eine humanistische Ausbildung.“ Ich weiß nicht genau, was das heißt, aber wohl, dass man seinen Mitmenschen mag, respektiert und an ihn glaubt.
Mein Vater war ein aufgeklärter Calvinist, der den Krieg sehr selbstkritisch analysiert hat. Er hat auch das Wissen um die Judenverfolgung eingestanden, was meine Mutter immer negiert hat. Er war in der Hitlerjugend und hat sich sogar freiwillig an die Front zurückgemeldet, nachdem er in Stalingrad einen Arm verloren hatte. Aber er hat seine Verblendung erkannt, verbalisiert und wollte immer, dass wir eine humanistische Ausbildung kriegen. Uns wurde der Glaube eingeprägt, dass Dinge möglich sind zwischen Menschen und dass es, platt gesagt, einen organischen Teamgeist gibt. Fordert man den heraus, ist einiges zu bewegen.
Thomas Gross schrieb kürzlich in der Zeit: „Grönemeyer ist der inoffizielle Hymnendichter der Republik, geliebt und gefürchtet für seine Zwischenrufe. Wären morgen Wahlen, er würde gewiss noch vor Günther Jauch zum König von Deutschland gekürt.“
Autsch! (lacht)
Wäre Herbert Grönemeyer denn ein guter König?
Für De Beukelaer vielleicht, auf der Prinzenrolle. Wenn man den König so versteht, dass das auch so eine Form von Narr sein kann, der rumsitzt und Kamelle (Zuckerln, die im Fasching von westdeutschen Karnevalswägen geworfen werden, Anm.) schmeißt – schon möglich, dass ich das hinbekäme. Ich kenne den Text nicht, weil ich zur Veröffentlichung einer neuen Platte generell sehr wenige Texte über mich lese. Eher im Nachhinein, wenn ich die Gelassenheit habe. Aber ich glaube, er schreibt am Schluss, dass ich keinen Humor hätte. Was soll das? Wenn er mich als humorvollen König akzeptieren würde, der seinem Volk ununterbrochen Witze erzählen und es mit seinem Frohsinn penetrieren dürfte, dann wäre ich eine Option. Ansonsten eigne ich mich nicht dazu.
Gibt es Vorurteile über Sie, die stimmen?
Das mit dem Humor eher nicht. Nicht dass jeder über mich lachen muss. Aber dass ich keinen Humor hätte … Im Theater haben wir gesagt: Humor ist immer, jeder hat einen anderen. Es stimmt, dass ich impulsiv und aufbrausend bin. Und ich bin zwar kein Kontrollfreak, aber wenn ich etwas mache, versuche ich, es richtig zu machen. Ich singe sehr stakkatoartig, das kann ich auch nicht ändern. Ich ringe mit der Sprache, auch wenn ich singe.
Wie schätzen Sie bei Ihnen das Verhältnis zwischen Bauch und Kopf ein?
Als Natureuphoriker komme ich eher aus dem Bauch und setze meine Texte gezielt würzig ein – aber auch da hat der Spaß Raum. Man kann sich mit mir sehr kopflastig beschäftigen und auch unterhalten, aber grundsätzlich bin ich ein chaotischer Bauchmensch. Auch bei der Studioarbeit.
Ihr Produzentenpartner Alex Silva bildet den Gegenpol dazu?
Er ist sehr analytisch und präzise, während ich mich immer nach meinem Bauchgefühl entscheide. Die Frage lautet: Ist etwas gut oder nicht? Warum es das ist, kann ich nicht sagen, aber das muss ich auch nicht wissen. Meine Platten haben meiner Meinung nach vor allem deshalb Erfolg, weil die Mischung stimmt. Und die Mischung lässt sich nicht analysieren. Warum sind Songs gut? Es ist nicht nur der Text. Es ist alles zusammen. Ich wehre mich dagegen, dass man ein Lied von mir zerhackt. Das tut mir weh. Man kann das nicht sezieren und bei jedem Teil fragen, ob der nun gut sei oder nicht. Selbst wenn ein einzelner Teil nicht ganz gelungen ist, kann es sein, dass er in der Gesamtheit so sein musste, damit das Ganze wirkt.
Ihre Musik ist für viele Menschen auch Trostspender. Was legen Sie selbst auf, wenn Sie schlecht drauf sind?
Randy Newman. Auch so Sachen wie Massive Attack. Und Amadou & Mariam ist etwas, das wieder fröhlich stimmt. Aber im Grunde genommen singe ich selber, wenn ich nicht gut drauf bin. Schon in der Pubertät habe ich Leonard Cohen auf der Gitarre rauf- und runtergespielt, wenn’s mir schlecht ging. Heute setze ich mich mit Kopfhörer und Mikrofon hin und singe mir selbst etwas vor. Sehr gerne mag ich auch Antony & The Johnsons’ „I Am A Bird Now“, eine wunderbare Platte.
Haben Sie The Good, The Bad & The Queen schon gehört, das neue Projekt von Damon Albarn?
Ich habe die Platte zuhause, bislang aber nur zwei Titel im Fernsehen gesehen, die fand ich sehr verschroben. Ich mag Damon Albarn sehr gerne. Ich habe ihn einmal kennen gelernt – ein klasse Typ. Ich bewundere den Mut, den er hat – mit Blur, den Gorillaz und so weiter. John Smith, der jetzt auch Teile unserer Platte gemischt hat, ist der Mixer von Blur. Der findet unsere neue Platte übrigens sehr schön. Ich singe die Lieder zuerst ja immer mit englischen Bananentexten ein, und der meinte: Sofort rausgeben, so etwas Gutes hat er seit Jahren nicht gehört. Das fand ich sehr rührend, denn normalerweise sagt der überhaupt nichts. Und bevor ein Engländer einem Deutschen ein Kompliment macht …
Warum machen Sie die berüchtigten „Bananentext“-Versionen ihrer Lieder nicht tatsächlich einmal zugänglich?
Vielleicht kommt das mal als dritte Nummer auf einer Single oder so. Aber The Good, The Bad & The Queen kenne ich noch nicht so richtig, und diese beiden Nummern fand ich sehr verquer. Zuerst dachte ich mir: Wer ist denn dieser Bassist da? Der Typ sieht irre aus und kommt auch so rüber. Ich habe erst später erfahren, dass das Paul Simonon von The Clash ist.
Waren Sie ein Clash-Hörer?
„London Calling“ habe ich natürlich, aber ich bin doch eher ein Post-Punk-Typ. Die Ideologie hat mir gefallen, die Musik war aber nicht ganz meines. Selbst Joy Division habe ich erst in England kennen gelernt. Anton Corbijn (ein Musikfotograf und Filmemacher, der unter anderem U2, Depeche Mode und auch Grönemeyer selbst in Szene setzt, Anm.) hat gerade einen Film über deren Sänger Ian Curtis gedreht, den ich mitfinanziert habe. Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger – wo habe ich da gesteckt, musikalisch? Ich war am Theater in Köln, und ich mochte die Idee von Bands wie den Sex Pistols oder den Clash. Aber es wäre gelogen zu sagen, dass sie mir musikalisch wirklich geläufig waren.
Bei Peter Hein war das anders. Er hat sich nach einem The-Clash-Stück sogar „Janie Jones“ genannt. Sie waren letztes Jahr als Gastsänger auf dem Album „26 1/2“ von Heins Band Fehlfarben zu hören. Was verbindet Sie mit den Fehlfarben?
Dasselbe wie mit The Clash. Ich war auch kein Fan von Ton Steine Scherben. Mir lag Rio Reiser näher, als er alleine gesungen hat. Ich mochte die politische Idee dahinter, auch den Druck und die Provokation. Aber die Musik war mir nicht sinnlich genug. Mir hat die Schlitzohrigkeit und die Selbstironie gefehlt. Ich habe noch eine Kassette von Rios erster Soloplatte mit „König von Deutschland“ drauf. Wir kannten uns nicht, aber er hat sie mir damals mit der Frage geschickt, ob ich ihm bei der Suche nach einer Plattenfirma helfen könne, weil er in Berlin dafür irre Prügel bekommen hatte. Meiner Meinung nach ist das nach wie vor eine der besten deutschen Platten aller Zeiten. Von Fehlfarben fand ich „Es geht voran“ gut. Trotzdem war ich ganz verblüfft, als die bei mir angefragt haben.
Im alphabetisch geordneten Künstlerverzeichnis der Fehlfarben-Platte stehen Sie neben Jochen Distelmeyer von Blumfeld. Eine Band, mit der Sie etwas anfangen können?
Ich finde Distelmeyer sehr klug. Aber er mag mich überhaupt nicht, glaube ich. Ich habe vor Jahren das CD-Box-Set „Pop 2000“ gemacht, diesen Versuch, einen Überblick über Popmusik aus Deutschland zu bekommen. Und die einzigen zwei Bands, die ich dafür nicht gekriegt habe, waren Kraftwerk und Blumfeld.
Das hatte vermutlich weniger mit Ihnen als mit dem Projekt an sich zu tun: Blumfeld haben sich stets allem verweigert, was mit dem Label „deutsch“ versehen war.
Aha, okay. Den Hamburger-Schule-Typen hatte ich mit meiner Herkunft aus dem Ruhrgebiet vermutlich zu wenig vom hanseatisch-intellektuellen Überbau. Denen war ich nicht geheuer. Gleichzeitig konnte man bei mir nur schwer sagen, dass das völliger Mist sei – ganz doof war ich ja auch nicht. Wie auch immer, ich finde Distelmeyer sehr klug. Wie auch die Art und Weise, wie der schreibt. Ich mag die Musik und finde die Texte hervorragend. Wobei die manchmal sehr düster sind und diese norddeutsche Melancholie haben, während bei mir bei das Ruhrgebietisch-Polnische durchbricht.
Wie meinen Sie das?
Das Ruhrgebiet ist eine der ganz wenigen Gegenden, wo sich zwei Kulturen problemlos gemischt haben – eben das Deutsche und das Polnische. In der Zeit gab es einmal einen wunderbaren Artikel über Bochum. Die Leute sind etwas spröde, hieß es da, aber wenn sie auftauen, kann es in Bochum wie nirgendwo sonst in Deutschland sizilianische Züge annehmen. Deswegen wundere ich mich auch, wenn es da jetzt wieder heißt, ich hätte keinen Humor.
Blumfeld haben kürzlich ihre Auflösung bekannt gegeben und soeben ihre letzte Studioaufnahme veröffentlicht. „Deutschland der Deutschen“ vertont Distelmeyers Eindrücke von der Fußball-WM. „Bemalte Gesichter beseelt vom Gefühl, dass man die Vergangenheit los ist. Es geht durch die Medien, sie machen mobil, let’s change ourselves through self hypnosis“, singt er. Können Sie diese Skepsis nachvollziehen?
Das ist eine Sichtweise. Das Ganze war ja eine Gratwanderung. Ich sehe es einen Tick andersrum und glaube, dass die WM-Stimmung ganz hilfreich war. Nationalstolz ist etwas Problematisches, aber man kann nur durch ein gewisses Selbstbewusstsein zu einem Selbstverständnis kommen. Und man muss der jungen Generation nicht ständig aufbürden, dass sie die Vergangenheit vergessen würde. Mich hat es gegraut, wenn „Steh auf, wenn du ein Deutscher bist“ gerufen wurde, das war sehr bitter. Umgekehrt weiß ich aber, dass gerade die Engländer, die zur WM nach Deutschland gefahren sind, von dieser entspannten, gastfreundlichen Haltung sehr angetan waren.
Und das soll man nicht hinterfragen?
Das sollte man zumindest anerkennen. Es ist schwierig, wenn man ständig nur gebückt ist und sagt, dass man nie wieder zu einem relativen Selbstverständnis kommen darf. Gerade im Zusammenhang mit der WM kann man wirklich nicht sagen, dass sich dieses Land mit einem neuen Nationalgefühl gebrüstet hätte. Und auch danach ist ja nicht gerade der große Nationalwahn ausgebrochen. Die WM hat es weltweit geschafft, zumindest ein etwas entspannteres Deutschlandbild vorzustellen. In England waren sie hin und weg, und die Engländer sind da normalerweise noch skeptischer als Distelmeyer: Wenn die nur „Deutschland“ hören, bekommen sie schon eine Pickelhaube- und Blitzkrieg-Attacke.
Sie selbst haben die deutsche WM-Stimmung zum Lied „Flüsternde Zeit“ verarbeitet, einer mit Fußballmetaphern gespickten Abrechnung mit der großen Koalition. Ist die aktuelle deutsche Regierung die schlechteste, die Sie bisher erlebt haben?
Nein, weiß Gott nicht. Aber genau das ist es ja – sie spielen noch nicht mal schlecht, das ist viel schlimmer! Helmut Kohl fand ich weit gefährlicher, aber das konnte man sehen. Bei Franz Josef Strauß war die Gefahr offensichtlich. Gegenwärtig ist alles undurchsichtig, und das halte ich für schwierig. Da ist eine Regierung, die im Nebel arbeitet. Man weiß nicht, was die machen; ganz verzagt arbeiten sie hinter so einem Schleier. Unter dem kommen sie nicht hervor, man kann sich nicht an ihnen reiben. Machen die was, machen die nichts? Sie stehen einem nicht mit offenem Visier gegenüber.
„Der Gegner kommt über rechts“, lautet eine der Zeilen des Liedes. Sehen Sie eine akute Bedrohung?
Die Regierung überlässt die Gesellschaft sich selbst. Und in einer Phase ohne starke Opposition entsteht eben die Gefahr, dass die Gesellschaft auf ihre dumpfen Instinkte zurückfällt. Die große Koalition nimmt ihre Chance nicht wahr, denn die Probleme sind offensichtlich und die Motivation der Leute wäre groß. Die Krämpfe der Wiedervereinigung legen sich langsam. Nicht dass wir uns lieben – der Osten und der Westen werden wohl auch noch hundert Jahre dafür brauchen. Aber man hat sich pragmatisch zusammengerauft, so wie die Schweizer etwa. Die große Koalition wäre frei von diesen Parteizwängen und könnte durch eine entspannte überparteiliche Dynamik auffallen – aber diese Gelegenheit nimmt sie einfach nicht wahr. Diese Verzagtheit werfe ich ihr vor.
Die Toten Hosen sangen in ihrem ironischen WM-Lied „Weltmeister“: „Die Deutschen sind depressiv, was ist bloß schief gelaufen, dass so viele Menschen hier Musik von Grönemeyer kaufen?“ Konnten Sie darüber lachen?
Wenn ich so direkt darauf angesprochen werde: Nein, da bin ich zu westfälisch. Obwohl ich mit Campino bis dahin relativ gut klarkam und mit ihm auch mal gemeinsam beim Fußball war. Mich hat diese Textzeile extrem überrascht und ich fand sie eigentlich nicht komisch.
Der England-Fan Campino behauptet, das sei eine Revanche, weil Sie sich beim gemeinsam besuchten Spiel zwischen Deutschland und England zu sehr über ein deutsches Tor gefreut hätten.
Das hat er mir auch geschrieben, aber das ist dummes Zeug. Wir sind da ganz gemütlich hingegangen – und ich kann mich ja wohl noch freuen, wenn die Tore schießen! Ich fand es unfair. Campino hätte mich vorher zumindest anrufen können, so gut kennen wir uns. Aber ich singe ja bereits in „Bochum“ die Zeile „Wer wohnt schon in Düsseldorf?“. Das ist genau der Unterschied zwischen einem Rheinländer und einem Ruhrgebietler. Wir sind 42 Kilometer auseinander, aber die Mentalitäts- unterschiede sind groß. Wir kommen von der kleinen Ruhr, wir sind mit dem Bergbau groß geworden, wir machen so etwas nicht. Wir reden. Im Rheinland ist so etwas möglisch. (lacht)
Sie haben selbst eine Kickervergangenheit und stehen nach wie vor gelegentlich auf dem Platz. Welche Position spielen Sie?
Fußballer ist das Einzige, was ich immer werden wollte. Sänger wollte ich wirklich nicht werden. Das hat sich so ergeben. Ich war auch ein ganz guter Fußballer. Aber ich habe mir das Kreuzband gerissen und kann jetzt nur noch ein Spiel im Jahr machen, danach habe ich ein Monat lang ein dickes Knie. In der B-Jugend habe ich als Stürmer angefangen, bin dann aber nach hinten gegangen und habe letztlich als Libero gespielt, als es den noch gab. Wenn mit Dreier- oder Viererkette gespielt wird, bin ich im defensiven Mittelfeld.
Wie haben Sie Zidanes Abgang im WM-Finale empfunden?
Es war das einzig Richtige. Erst mal fielen die Italiener andauernd um, und ich bin mir sicher, dass Materazzi die Aufgabe hatte, Zidane den ganzen Abend lang zu provozieren. Ein Finale ist eben was anderes als ein Ligaspiel, und wenn er ihm solche Dinge an den Kopf wirft – Pech! Ich fand das klasse, was auch zu extremen familieninternen Krisen geführt hat. Alex Silva, mit dem ich auch „Zeit, dass sich was dreht“ gemacht habe, ist Italiener. Er war hin und weg, dass das beim Finale für seine italienische Mannschaft gespielt wurde. Zidane war wunderbar, herrlich. Es hatte ja auch gar niemand gesehen. Erst der vierte Schiedsrichter hat den Ausschlag für die rote Karte gegeben.

Überhaupt nicht regelkonform, genau. Wie die Frings-Herausstellung vor dem Halbfinale, die ein klares Komplott zwischen FIFA-Chef Sepp Blatter und Silvio Berlusconi war – die Italiener haben denen ja auch das Videomaterial zugespielt. Der Fall war Freitagabend abgeschlossen, am Sonntag tauchte das Material auf, am Montag war der Mann gesperrt. Selbst der Argentinier hat gesagt, dass Frings ihn gar nicht berührt hat – egal. Ich fand es rührend, wie Zidane dann auch sagt: „Pass auf, das macht man nicht.“ Der Typ hatte danach geschrien und er hatte es verdient. Es war für Frankreich nicht einfach, aber es musste sein. Für mich bleibt er der Hero und einer der größten Fußballer aller Zeiten, auch mit dem Abgang.
Eine umfangreiche Grönemeyer-Würdigung im Magazin der Süddeutschen Zeitung endete jüngst mit dem Satz: „Ein besserer Repräsentant unserer aufgeklärten, recht sympathischen, aber ziemlich unglamourösen Konsensrepublik wäre kaum denkbar.“ Freut oder ärgert Sie das?
Es ist unbestritten, dass Deutschland unglamourös ist. Was sehr schade ist. Dass ich nicht besonders glamourös bin, würde ich auch unterschreiben. Ich wäre gerne glamouröser und es würde mich freuen, wenn ich ein Durchgangsrepräsentant für eine etwas glamourösere Kultur in Deutschland sein könnte. Ich war am Theater immer fasziniert von glamourösen Schauspielern, gehörte aber nie dazu. Wir Deutschen sind einfach das Land der Ingenieure. Das ist das Problem.
Im Lied „Kopf hoch, tanzen“ fragen Sie ja auch: „Warum ist Ingenieursein nicht glamourös?“
Das Berlin der Zwanziger war glamourös, aber es hatte das nicht, weil es deutsch war, sondern weil es damals schon sehr international war. Deutschland hat sich das selber zerschossen und kaputtgeschlagen.Vielleicht wird es in sechzig, siebzig Jahren international werden. Selbst Österreich ist glamouröser, weil es eine andere Sinnlichkeit hat.
War der Lifestyle des Sex, Drugs & Rock’n’Roll je ein Thema in Ihrem Leben?
Ähnlich wie beim Glamourösen lief das im Prinzip eher über eine gewisse Faszination. Wobei es auch bei uns ordentlich zur Sache gehen konnte. Wir haben nach Konzerten jedenfalls nicht in die Kerze geguckt. Wir haben auch einige Hotels zerlegt, wo die Hotelchefs dann sagten: „Das hätten wir nicht gedacht, dass Ihre Peace-Band hier so zuschlägt.“ Sagen wir einmal so: Drogen gab es weniger. Sex und Rock’n’Roll aber durchaus.
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www.datum.at, INTERVIEW: GERHARD STÖGER, FOTOGRAFIE: JÜRGEN TELLER
Last modified 15.11.2007 19:22
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