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Herbert Grönemeyer

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Haben die Live8 Konzerte was gebracht?

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Herbert Grönemeyer, 49, ist einer der erfolgreichsten deutschen Musiker. Im Juli trat er bei dem Berliner Live-8-Konzert auf
DIE ZEIT: G8-Treffen, die Live-8-Konzerte, Millenniumsgipfel: Haben die Initiativen gegen die Armut Erfolge gebracht?

Herbert Grönemeyer antwortet auf die Frage &raquoHaben die Live8 Konzerte was gebracht» Herbert Grönemeyer: Das sehe ich gemischt. Positiv war, dass eine Entschuldungsrunde für die ärmsten Länder eingeleitet wurde und dass die G8-Staatschefs in Gleneagles beschlossen haben, zusätzlich 50Milliarden Dollar für die Armutsbekämpfung aufzubringen. Aber ich habe auch viel gelernt über politische Taschenspielertricks.

ZEIT: Was für Tricks?

Grönemeyer: Bis heute ist ja noch nicht klar, wo die Summe herkommen soll. Die Engländer wollten sie über die privaten Finanzmärkte aufbringen; das hätte den Banken auf lange Sicht vieleMillionen Dollar Zinsen gebracht. Die Kontinentaleuropäer diskutierten über eine Abgabe auf Flugtickets – aber beschlossen haben sie bisher nur die Franzosen. Und wenn man nicht aufpasst, dann werden die Beträge womöglich bloß in bestehenden Haushalten hin und her geschoben.

ZEIT: Was haben die Kampagnen gebracht, für die Sie sich engagiert haben, »Gemeinsam für Afrika« und »Deine Stimme gegen Armut«?

Grönemeyer: Wir haben das Thema in die Köpfe gebracht. In England kannten vor der Kampagne nur vier Prozent der Bevölkerung das Millenniumsversprechen der Vereinten Nationen, die extreme Armut weltweit bis 2015 zu halbieren; danach hatten 84Prozent zumindest eine Vorstellung davon. Spannend fand ich, dass Künstler kein Geld gesammelt, sondern länderübergreifend eine politische Botschaft formuliert haben. Wenn auch mit unterschiedlichen Vorstellungen.

ZEIT: Wo waren Sie verschiedener Meinung?

Grönemeyer: Bono und Bob Geldof haben ja stark mit Tony Blair zusammengearbeitet, der wegen des Irak-Kriegs ein massives Imageproblem hatte. Wir wollten unserer Regierung lieber von außen Druck machen. Deshalb war ich auch kein Fan dieses riesigen Live-8-Konzerts.

ZEIT: Was hat Sie daran gestört?

Grönemeyer: Wenn Sänger singen, dann haben die Politiker sie da, wo sie hingehören. Man macht Musik, jeder kriegt seine Streicheleinheiten, und das Thema ist abgefrühstückt.

ZEIT: Bob Geldof und Bono haben sich vereinnahmen lassen?

Grönemeyer: Das waren einfach unterschiedliche Herangehensweisen, wir haben darüber auch lange debattiert. Ich finde, man muss nicht unbedingt Schulter an Schulter mit Tony Blair aufs Bild. Rockmusik, überhaupt die Kunst war immer dann stark, wenn sie unabhängig war.

ZEIT: Besonders provoziert haben Sie aber nicht. Gegen Armut ist doch jeder.

Grönemeyer: Wir hätten vieles lieber härter formuliert, aber mit den entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisationen war das nicht so einfach. In deren Dachverband VENRO wurde alles erst mal abgeklopft bei Ausschüssen und Vorständen. Für mich hieß Nichtregierungsorganisation außerdem, dass die nicht auf die Regierung Rücksicht nehmen. Aber das passiert immer wieder. Letztendlich haben wir dann gut gearbeitet und werden auch gemeinsam weitermachen.

ZEIT: Gibt es konkrete Pläne?

Grönemeyer: Wir wollen die Fussball-WM nutzen. Da kommt ja die ganze Welt zusammen. Gerade jetzt müssen die Regierungen doch umso mehr unter dem Druck stehen, dass ständig irgendwelche Nervensägen an ihren Türen kratzen und ihre Ausreden öffentlich machen.

ZEIT: Sie werden jetzt Entwicklungspolitiker?

Grönemeyer: Nein. Aber den dicken Bericht der Afrikakommission habe ich durchgearbeitet. Wir versuchen, unseren kleinen Wissensvorsprung an die Menschen weiterzugeben.

ZEIT: Auch mit musikalischen Mitteln?

Grönemeyer: Eher mit Anzeigen, Aktionen, was uns so alles einfällt. Und wenn die Menschen mehr erfahren, in vielen kleinen Puzzleteilen, dann werden Regierungen vielleicht nicht wieder, wie dieses Jahr im Niger, versäumen, rechtzeitig einer Hungerkatastrophe vorzubeugen. Genug Warnungen gab es da ja.

ZEIT: Kampagnen gegen die Armut fordern meist vor allem eines: mehr Geld. Reicht das?

Grönemeyer: Allein damit ist es nicht getan. Je tiefer man blickt, desto komplizierter wird es. Natürlich ist es erschütternd, dass viele Regime noch immer so viel Geld selber einstecken. Erst mal braucht jedes Land seinen eigenen, mit Teilhabe aller Bürger erstellten Entwicklungsplan. So wie jeder Mensch seine spezifische und individuelle medizinische Behandlung braucht.

ZEIT: Sie waren mehrmals in Afrika. Wie kann man Armut bekämpfen?

Grönemeyer: Wenn man im Kongo ist, dann begreift man zuerst einmal, warum der Westen womöglich gar kein so großes Interesse daran hat, dass diese Länder allzu demokratisch werden. Denn dann würde es beispielsweise für die Belgier schwieriger, dort Diamanten herauszuholen. Oder man fragt sich: Wieso gibt es längst Medikamente gegen Aids, aber wegen der Urheberrechte kommen die Leute in Afrika da nicht ran?

ZEIT: Ist unser Lebensstil mitverantwortlich für die Armut der anderen?

Grönemeyer: Natürlich stützt sich unser Reichtum auf das Ausbluten dieser Länder. Und wehe, es geht uns selber an die Tasche. Auch Angela Merkel hat ja im Wahlkampf wieder gesagt: Wir werden uns an das Ziel halten, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungaufgaben auszugeben – aber nur »sobald der Zustand von Wirtschaft und Haushalt dies erlaubt«. Das heißt: Erst mal muss es euch hier zu Hause gut gehen, dann sind eventuell die anderen dran.

ZEIT: Ist das nicht legitim? Angela Merkel ist zunächst mal Kanzlerin der Deutschen.



Grönemeyer: Nein, das finde ich nicht legitim. Denn das hieße: Wir haben nicht begriffen, dass wir den Nachbarn beim Sterben zusehen, und wir könnten sie retten. Ich finde es feige, den Menschen nicht klar zu sagen: Wenn wir 0,7 Prozent erreichen wollen, dann geht es auch an unsere eigene Kasse. Man soll die Leute in ihrer Klugheit und Herzenswärme doch nicht unterschätzen.



Created by tom | Contributors : Christiane Grefe
Die Zeit
Last modified 01.01.2006 22:39