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Herbert Grönemeyer

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Ich kümmere mich viel um mich selbst

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Nach dem Krebstod seiner Frau und seines Bruders vor drei Jahren zog sich Herbert Grönemeyer völlig zurück. Jetzt hat er neue Songs geschrieben und will wieder auf die Bühne – gemeinsam mit SWR3. SWR3-Moderatorin Evi Seibert sprach in London mit Deutschlands erfolgreichstem Rockmusiker über seine Rückkehr zur Musik, seine Sehnsucht nach Deutschland und seine Rolle als Vater.
SWR3: Wir haben uns das letzte Mal vor zweieinhalb Jahren gesehen, Herbert. 1999 hast du gesagt, du weißt eigentlich gar nicht so richtig, ob du wieder Songs schreiben kannst. Jetzt hast du welche geschrieben. Wie hast du damit angefangen?
Herbert: Sehr zögerlich, sehr langsam und sehr traurig. Aber es ist im Grunde genommen wie laufen lernen, wenn man schwer verletzt war, und versucht wieder zu gehen, in der Hoffnung und mit der Vision, irgendwann wieder richtig laufen zu können. Ich habe ein eigenes kleines Studio hier in London und habe dort angefangen zu schreiben. Normalerweise schreibe ich zu Hause. So habe ich mich langsam nach vorne gehangelt. Jetzt bin ich so weit, dass ich im Grunde genommen viel zu viele Stücke habe, wirklich sehr schöne Stücke. Die Platte ist gerade musikalisch unglaublich schön, positiv und optimistisch, aber natürlich mit einem stark melancholischen Unterton.

Aufs Menschsein zurückgefallen

SWR3: Dein neues Album heißt „Mensch“. Bist du
ein anderer Mensch geworden?
Herbert: Nein, ich bin eher auf das Menschsein zurückgefallen. Man lernt in solchen Katastrophen zu begreifen, wie klein und unwichtig man ist, wie beschränkt. Und wenn man das begreift, lernt man zu relativieren und auch zu verdrängen. Ich denke, wenn man nicht in der Lage wäre, solche Ereignisse auch zu verdrängen, würde man daran scheitern.

SWR3: Bist du bescheidener geworden?
Herbert: Ich habe ein westfälisches Ego und ein relativ großes Mundwerk. Aber ich würde nicht sagen, dass ich jemals unbescheiden war. Ich bin sicherlich demütiger geworden.

SWR3: Du sprichst viel über Deutschland. Aber du wohnst in England. Informierst du dich täglich, hast du Zeitungen abonniert, schaust du viel deutsches Fernsehen?
Herbert: Ich lese jeden Tag eine deutsche Zeitung und die Wochenmagazine, die ich auch in Deutschland gelesen habe. Ich habe deutsches Fernsehen, nur funktioniert das gerade nicht, weil ein Baum davor steht. Ich muss den Satellitenempfänger woanders montieren. Deutsches Fernsehen sehe ich eher, wenn ich in Berlin bin. Aber ich telefoniere täglich mit Deutschland, mindestens eine Stunde.

„Man lernt in England, sich zu enspannen“

SWR3: Interessiert es dich mehr, was in Deutschland passiert als was in England los ist?
Herbert: Ja, logisch, mir ist die deutsche Politik nach wie vor viel näher. Ich habe meine Schwierigkeiten mit dem ganzen System in England, mit den horrenden Preisen, dem Gesundheitssystem, mit der Infrastruktur. Es ist schon hart, wie es hier zugeht. Auf der anderen Seite lernt man in England, sich zu entspannen, gerade als Deutscher. Weil Beschwerden, auch wenn man sich auf den Kopf stellt und einen Veitstanz aufführt, absolut niemanden interessieren. Hier klappt nichts - und trotzdem funktioniert das Land. Die Engländer fahren sehr entspannt Auto, lassen einen überall rein, sind freundlich, wenn man in einen Laden kommt, fangen immer ein kleines Gespräch an. Sie beschweren sich selten, quasi gar nicht – das wäre sehr unenglisch.

SWR3: Kannst du dir vorstellen, in dein Haus in Berlin zurückzukehren? Das fragen sich viele: „Er hat immer gesagt, er kommt zurück und jetzt kommt er doch nicht?“
Herbert: Bestimmt 20 Pozent der Leute, die hier leben, sind nur mal vorbei gekommen, mal eben für ein paar Monate. Und jetzt leben sie seit 25 oder 30 Jahren hier. Das hohe Tempo dieser Stadt hat etwas von einer Droge. Man hasst es, wenn man hier ist. Aber wenn man weg ist, merkt man: Oh, das fehlt mir. Ich bin zu 99 Prozent sicher, dass ich zurück nach Berlin gehe, weil ich Berlin einfach liebe. Das ist meine Stadt. Ich bin Deutscher, spreche deutsch, denke deutsch und das wird sich auch nicht mehr ändern.

Heimat: England oder Deutschland?

SWR3: Aber du bist ja nicht allein. Du hast Kinder, die irgendwann anfangen, sich als kleine Engländer vorzukommen. Fühlen die sich noch deutsch oder sagen sie: „Hier ist es doch auch ganz nett, wir gehören nach London“?
Herbert: Mein Sohn Felix antwortet: „Berlin“, wenn man fragt, wo seine Heimat ist – weil er da auch seine sorglosesten Tage verlebt hat. Meine Tochter ist ein Mädchen, das in England groß wird, also bauchnabelfrei… Die ziehen hier Klamotten an, da fällt einem gar nichts mehr ein. Sie ist gerade mal 13. Frauen ziehen sich in England völlig anders an als in Deutschland. Sie haben eine ganz andere sexuelle Ausstrahlung, eine andere Erotik als in Deutschland. Meine Tochter wird damit groß, die nimmt das natürlich an. Sie mag London gern. Frauen mögen London sowieso ganz gern. Es ist bunt, farbig, es geht los und es gibt immer was zu tun. Wir Jungs tendieren eher dazu: „Gib mir einen Ball, stell
mir ein Tor in den Garten und die Sache ist in Ordnung.“

SWR3: Bist du denn ein richtig klassischer alleinerziehender Vater? Kannst du kochen?
Herbert: Ja, ich konnte schon immer kochen. Aber ich bin Künstler, und Künstler haben ein relativ großes Ego. Ich kümmere mich viel um mich selbst. Wir haben eine Nanny, die bei uns zu Hause ist. Deshalb ich bin ein privilegierter alleinerziehender Vater. Sicherlich bin ich nicht in der Situation wie andere alleinerziehende Väter oder Mütter, die abends nach Hause kommen und den Anschluss halten müssen: Was haben meine Kinder heute durchgemacht, wie kriege ich den Laden über die Runden? Aber auch ich sehe meine Kinder heranwachsen und passe auf, dass ich keine gravierenden Neurosen hinterlasse… Ich hoffe, dass ich sie so fürs Leben hinkriege, dass sie respektvoll sind, rücksichtsvoll, Stolz und Lebensfreude behalten. Das sind die zentralen Punkte. Aber da bin ich genauso beschränkt wie jeder andere Vater auch.

„London ist eine einsame Stadt“

SWR3: Hast du es denn hier in London geschafft, zu ganz normalen Londonern oder Engländern Freundschaften aufzubauen oder bist du doch überwiegend von Kollegen umgeben, von anderen Sängern oder Musikern?
Herbert: Nee, das ist schon sehr angenehm in England oder in London speziell. Da gibt es diesen berühmten Spruch: „Sei mein Freund oder ich bringe mich um.“ Das ist diese Sehnsucht nach Sozialisierung. Die ist extrem groß hier, weil es auch eine sehr einsame Stadt ist. Man kann hier extrem vereinsamen. Aber auf der anderen Seite sind die Londoner, weil sie eben auch aus aller Welt kommen, sehr daran interessiert, andere einzuladen. Ich habe sehr viele Freunde und Bekannte aus der Nachbarschaft.

SWR3: Sprichst du jetzt überwiegend Englisch?
Herbert: Ja, ich spreche überwiegend englisch, nur englisch.

SWR3: Träumst du englisch?
Herbert: Nein, wenn ich träume, träume ich irgendwie in keiner Sprache. Wir haben eine australische Nanny, da hat sich das mit der Sprache so eingebürgert. Die hatte ich an sich genommen, weil ich zurück nach Berlin wollte und dachte, wenn ich in Berlin bin, verlieren die Kinder ihr Englisch nicht. Das hat sich jetzt wieder verschoben. Jetzt fangen meine Kinder selbst zu Hause an, englisch zu reden. Das ärgert mich. Aber ich spreche im Alltag auch fast nur englisch. Deswegen habe ich so einen Hunger nach der deutschen Sprache, die fehlt mir fast wie
Nahrung. Das ist das Extremste. Auch wenn ich eine deutsche Zeitung lese, ist das wie Essen. Deswegen ist der größte Glücksmoment für mich, wenn ich nach Berlin gehe oder mit Deutschen telefoniere und dann schnattern kann.

SWR3: Wie hoch ist deine Telefonrechnung?
Herbert: Extrem. Irrsinnig hoch. Weiß nicht, 1000 Pfund im Monat oder… keine Ahnung. Irrsinnig hoch.
Ich telefoniere wie ein Geistesgestörter.



Created by admin | Contributors : Evi Seibert
SWR3
Last modified 01.01.2006 19:35