Ich kümmere mich viel um mich selbst
Herbert: Sehr zögerlich, sehr langsam und sehr traurig. Aber es ist im Grunde genommen wie laufen lernen, wenn man schwer verletzt war, und versucht wieder zu gehen, in der Hoffnung und mit der Vision, irgendwann wieder richtig laufen zu können. Ich habe ein eigenes kleines Studio hier in London und habe dort angefangen zu schreiben. Normalerweise schreibe ich zu Hause. So habe ich mich langsam nach vorne gehangelt. Jetzt bin ich so weit, dass ich im Grunde genommen viel zu viele Stücke habe, wirklich sehr schöne Stücke. Die Platte ist gerade musikalisch unglaublich schön, positiv und optimistisch, aber natürlich mit einem stark melancholischen Unterton.
Aufs Menschsein zurückgefallen
SWR3: Dein neues Album heißt Mensch. Bist du
ein anderer Mensch geworden?
Herbert: Nein, ich bin eher auf das Menschsein zurückgefallen. Man
lernt in solchen Katastrophen zu begreifen, wie klein und unwichtig man ist,
wie beschränkt. Und wenn man das begreift, lernt man zu relativieren und
auch zu verdrängen. Ich denke, wenn man nicht in der Lage wäre, solche
Ereignisse auch zu verdrängen, würde man daran scheitern.
SWR3: Bist du bescheidener geworden?
Herbert: Ich habe ein westfälisches Ego und ein relativ großes
Mundwerk. Aber ich würde nicht sagen, dass ich jemals unbescheiden war.
Ich bin sicherlich demütiger geworden.
SWR3: Du sprichst viel über Deutschland. Aber du wohnst in England.
Informierst du dich täglich, hast du Zeitungen abonniert, schaust du viel
deutsches Fernsehen?
Herbert: Ich lese jeden Tag eine deutsche Zeitung und die Wochenmagazine,
die ich auch in Deutschland gelesen habe. Ich habe deutsches Fernsehen, nur
funktioniert das gerade nicht, weil ein Baum davor steht. Ich muss den Satellitenempfänger
woanders montieren. Deutsches Fernsehen sehe ich eher, wenn ich in Berlin bin.
Aber ich telefoniere täglich mit Deutschland, mindestens eine Stunde.
Man lernt in England, sich zu enspannen
SWR3: Interessiert es dich mehr, was in Deutschland passiert als was
in England los ist?
Herbert: Ja, logisch, mir ist die deutsche Politik nach wie vor viel
näher. Ich habe meine Schwierigkeiten mit dem ganzen System in England,
mit den horrenden Preisen, dem Gesundheitssystem, mit der Infrastruktur. Es
ist schon hart, wie es hier zugeht. Auf der anderen Seite lernt man in England,
sich zu entspannen, gerade als Deutscher. Weil Beschwerden, auch wenn man sich
auf den Kopf stellt und einen Veitstanz aufführt, absolut niemanden interessieren.
Hier klappt nichts - und trotzdem funktioniert das Land. Die Engländer
fahren sehr entspannt Auto, lassen einen überall rein, sind freundlich,
wenn man in einen Laden kommt, fangen immer ein kleines Gespräch an. Sie
beschweren sich selten, quasi gar nicht das wäre sehr unenglisch.
SWR3: Kannst du dir vorstellen, in dein Haus in Berlin zurückzukehren?
Das fragen sich viele: Er hat immer gesagt, er kommt zurück und jetzt
kommt er doch nicht?
Herbert: Bestimmt 20 Pozent der Leute, die hier leben, sind nur mal vorbei
gekommen, mal eben für ein paar Monate. Und jetzt leben sie seit 25 oder
30 Jahren hier. Das hohe Tempo dieser Stadt hat etwas von einer Droge. Man hasst
es, wenn man hier ist. Aber wenn man weg ist, merkt man: Oh, das fehlt mir.
Ich bin zu 99 Prozent sicher, dass ich zurück nach Berlin gehe, weil ich
Berlin einfach liebe. Das ist meine Stadt. Ich bin Deutscher, spreche deutsch,
denke deutsch und das wird sich auch nicht mehr ändern.
Heimat: England oder Deutschland?
SWR3: Aber du bist ja nicht allein. Du hast Kinder, die irgendwann anfangen,
sich als kleine Engländer vorzukommen. Fühlen die sich noch deutsch
oder sagen sie: Hier ist es doch auch ganz nett, wir gehören nach
London?
Herbert: Mein Sohn Felix antwortet: Berlin, wenn man fragt,
wo seine Heimat ist weil er da auch seine sorglosesten Tage verlebt hat.
Meine Tochter ist ein Mädchen, das in England groß wird, also bauchnabelfrei
Die ziehen hier Klamotten an, da fällt einem gar nichts mehr ein. Sie ist
gerade mal 13. Frauen ziehen sich in England völlig anders an als in Deutschland.
Sie haben eine ganz andere sexuelle Ausstrahlung, eine andere Erotik als in
Deutschland. Meine Tochter wird damit groß, die nimmt das natürlich
an. Sie mag London gern. Frauen mögen London sowieso ganz gern. Es ist
bunt, farbig, es geht los und es gibt immer was zu tun. Wir Jungs tendieren
eher dazu: Gib mir einen Ball, stell
mir ein Tor in den Garten und die Sache ist in Ordnung.
SWR3: Bist du denn ein richtig klassischer alleinerziehender Vater?
Kannst du kochen?
Herbert: Ja, ich konnte schon immer kochen. Aber ich bin Künstler,
und Künstler haben ein relativ großes Ego. Ich kümmere mich
viel um mich selbst. Wir haben eine Nanny, die bei uns zu Hause ist. Deshalb
ich bin ein privilegierter alleinerziehender Vater. Sicherlich bin ich nicht
in der Situation wie andere alleinerziehende Väter oder Mütter, die
abends nach Hause kommen und den Anschluss halten müssen: Was haben meine
Kinder heute durchgemacht, wie kriege ich den Laden über die Runden? Aber
auch ich sehe meine Kinder heranwachsen und passe auf, dass ich keine gravierenden
Neurosen hinterlasse
Ich hoffe, dass ich sie so fürs Leben hinkriege,
dass sie respektvoll sind, rücksichtsvoll, Stolz und Lebensfreude behalten.
Das sind die zentralen Punkte. Aber da bin ich genauso beschränkt wie jeder
andere Vater auch.
London ist eine einsame Stadt
SWR3: Hast du es denn hier in London geschafft, zu ganz normalen Londonern
oder Engländern Freundschaften aufzubauen oder bist du doch überwiegend
von Kollegen umgeben, von anderen Sängern oder Musikern?
Herbert: Nee, das ist schon sehr angenehm in England oder in London speziell.
Da gibt es diesen berühmten Spruch: Sei mein Freund oder ich bringe
mich um. Das ist diese Sehnsucht nach Sozialisierung. Die ist extrem groß
hier, weil es auch eine sehr einsame Stadt ist. Man kann hier extrem vereinsamen.
Aber auf der anderen Seite sind die Londoner, weil sie eben auch aus aller Welt
kommen, sehr daran interessiert, andere einzuladen. Ich habe sehr viele Freunde
und Bekannte aus der Nachbarschaft.
SWR3: Sprichst du jetzt überwiegend Englisch?
Herbert: Ja, ich spreche überwiegend englisch, nur englisch.
SWR3: Träumst du englisch?
Herbert: Nein, wenn ich träume, träume ich irgendwie in keiner
Sprache. Wir haben eine australische Nanny, da hat sich das mit der Sprache
so eingebürgert. Die hatte ich an sich genommen, weil ich zurück nach
Berlin wollte und dachte, wenn ich in Berlin bin, verlieren die Kinder ihr Englisch
nicht. Das hat sich jetzt wieder verschoben. Jetzt fangen meine Kinder selbst
zu Hause an, englisch zu reden. Das ärgert mich. Aber ich spreche im Alltag
auch fast nur englisch. Deswegen habe ich so einen Hunger nach der deutschen
Sprache, die fehlt mir fast wie
Nahrung. Das ist das Extremste. Auch wenn ich eine deutsche Zeitung lese, ist
das wie Essen. Deswegen ist der größte Glücksmoment für
mich, wenn ich nach Berlin gehe oder mit Deutschen telefoniere und dann schnattern
kann.
SWR3: Wie hoch ist deine Telefonrechnung?
Herbert: Extrem. Irrsinnig hoch. Weiß nicht, 1000 Pfund im Monat
oder
keine Ahnung. Irrsinnig hoch.
Ich telefoniere wie ein Geistesgestörter.
SWR3
Last modified 01.01.2006 19:35