Skip to content.

Herbert Grönemeyer

You are here: Home » Tour Infos » Das Beste von Gestern bis Mensch » Stuttgart; Gottlieb-Daimler Stadion » Bei Grönemeyer kommt Musik nicht aus der Dose
Personal tools

Bei Grönemeyer kommt Musik nicht aus der Dose

Document Actions
50000 Zuschauer beim Abschlusskonzert seiner Open-Air-Tour in Stuttgart - Begeisterte Fans aller Altersstufen im Daimlerstadion. Zehntausende sind gestern ins Gottlieb-Daimler-Stadion geströmt. Es war nicht der Abend des VfB und nicht die Zeit der Schlachtgesänge. Herbert Grönemeyer kam auf seiner Tournee nach Stuttgart und brachte die Zwischentöne mit.

Die Fans belagern Tartanbahn, Spielfeld und die Ränge des Daimlerstadions. Herbert Grönemeyer tritt ihnen aus dem Strafraum entgegen. Mitten im Publikum steht er, Mittelstürmerposition, klatscht die Zuschauer ab und tänzelt auf dem langen Steg, der ihn auf die Bühne führt. Mit Konzertbeginn wogt eine Welle durchs Stadion, Feuer brennen auf der Bühne, Grönemeyer steigt mit einer Ballade ein. Er singt sich von der Abenddämmerung in die Nacht und entzündet das Publikum mit Klassikern wie "Männer" und "Bochum".

An der Abendkasse war das Konzert rasch ausverkauft. Stundenlang hatten die Fans zuvor in der Hitze ausgehalten, um einen guten Platz zu ergattern. "Grönemeyer macht lebensnahe Texte, in denen man sich selbst wiederfindet", sagt Christina Kemmerer, die mit ihren Eltern aus Geislingen angereist ist.

Ihre Mutter erinnert sich noch an Grönemeyers Auftritt als junger Schauspieler in "Das Boot" - seit mehr als zwei Jahrzehnten feiert der 47-Jährige Erfolge als Theater- und Filmschauspieler, vor allem als Sänger. An diesem Abend zeigt sich in Stuttgart, dass es keinen deutschen Künstler gibt, dessen Fangemeinde so bunt gemischt ist: Noch nicht 20-Jährige strömen genauso ins Konzert wie die über 50-Jährigen, jede Generation scheint den Sänger aufs Neue für sich zu entdecken. "Seine Texte besitzen viel Tiefe", erzählt Hildegard Skarubowiz, "das was Menschen empfinden, spricht er deutlich aus, ohne oberflächlich zu werden".

Gemeinsam mit einer Freundin ist sie aus Reutlingen angereist, Grönemeyer nimmt sie vom Kommerzstreben der Branche aus: "Ich glaube, dass es ihm nicht in erster Linie darum geht, das große Geld zu verdienen, er macht Musik, weil sie für ihn ein Bedürfnis ist." Anders als bei den Schlachtgesängen der Fans eigne sich Grönemeyers Musik für das genaue Hinhören, meint die Reutlingerin: "Da kann ich konzentriert zuhören."

Seit dem 11. Mai tourt Grönemeyer durch Deutschland, er füllte unter anderem das Bremer Weserstadion, das Münchner Olympiastadion, mehrmals die Berliner Waldbühne. Gestern verabschiedete er sich mit seinem Stuttgarter Konzert vorerst von seinen deutschen Fans. 50 000 Besucher wollten Herbie dabei erleben. Die 23-jährige Eva Mittag weiß genau, warum sich die mehr als dreißig Euro für ihre Karte lohnen: "Grönemeyer kann Werte vermitteln", sagt sie und erinnert an die Biografie des Sängers, der vor fünf Jahren seine Frau und seinen Bruder verlor, die beide an einem Krebsleiden starben. "Für viele Leute, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie er, ist er ein Sprachrohr." Grönemeyer habe den Mut, seine Gefühle auszudrücken, obwohl er sich bei Interviews sehr zurückhaltend gebe. "Er transportiert alles nur über seine Lieder."

So wie die Temperaturen vielen den Schweiß aus den Poren treibt, so schält Grönemeyers Musik die Emotionen seiner Anhänger frei. "Die ganze Geschichte mit Deutschland sucht den Superstar, und viel von dem, was in den Charts läuft, ist doch Musik aus der Dose", sagt Eva Mittag. Bei Grönemeyer zähle nicht die Optik, nicht der Tanzstil, nicht ob er dem Zeitgeist folge: "Er steht auf der Bühne, singt seine Lieder, macht seine Musik. Er ist nur er selbst."

Grönemeyer in Stuttgart, das ist Musik zum Mitsingen, zum Mitklatschen und Mittanzen: Und das Stuttgarter Publikum hat bewiesen, dass es nicht nur ein heraus ragendes Sportpublikum ist.



Created by tom | Contributors : Erik Raidt
Stuttgarter Zeitung
Last modified 08.09.2003 03:46