Ein Mensch wie Du und ich
Um ein Haar hätte Herbert Grönemeyer einen weiteren Beleg für die natürliche Überlegenheit des Dezimalsystems geliefert. Um ein Haar!
Sehr zur Freude der 12 000 Fans in der Stuttgarter Schleyerhalle wurde daraus nichts. Denn Grönemeyer begnügte sich nicht mit zehn, nein, er brachte sage und schreibe elf Zugaben auf die Bühne. Rekordverdächtig.
Über zweieinhalb Stunden brauchte der 46-Jährige an diesem Abend, um sein ausgehungertes Publikum wieder satt zu kriegen. Vier Jahre mussten sie auf ihn warten. Die Gründe für die Pause sind bekannt. 1998, kurz nach der Veröffentlichung des Albums »Bleibt alles anders«, starben innerhalb einer Woche sein Bruder Wilhelm und seine Frau, die Schauspielerin Anna Henkel, beide an Krebs. Ein Schicksalsschlag, der den Rockmusiker zu Boden warf. Über zwei Jahre hat es gedauert, bis er wieder stehen konnte.
Zusammen mit dem Produzenten Alex Silva zog sich Grönemeyer dann für 14 Monate zurück ins Studio. Erste Experimente, dann wurde das Songmaterial konkreter. Daraus entstanden ist das Album »Mensch«, das sich schon in wenigen Wochen vergoldete und schließlich zum Megaseller wurde. Grönemeyer ist zurück, seine aktuelle Europa-Tournee »Das Beste von Gestern bis Mensch« führt ihn bis Mitte Juni durch 27 Städte in fünf Ländern.
Das seit Wochen ausverkaufte Konzert in der Schleyerhalle zum offiziellen Tour-Auftakt beginnt mit Verzögerung, weil die Folgen eines Wasserrohrbruchs die Elektrik in der Halle bedrohten. Doch das Warten hat sich gelohnt.
Sphärisches Intro, weiße Lichtkegel, die über die Menschenmassen kreisen, farbenreiches Bühnenlicht bestimmen das Szenario. Auf mehreren Ebenen verteilen sich 14 Musiker, davon allein acht Streicher. Völlig unerwartet erscheint der Star des Abends auf der linken Seite. Mit einem breiten, spitzbübischen Grinsen schreitet er entlang des Bühnenrands, bleibt immer wieder stehen und rennt schließlich wie ein Besessener über den Laufsteg, der im Halbkreis tief in die Zuschauermenge hineinreicht, hin und her. Dabei hüpft er wie wild, breitet seine Arme aus wie Flügel, dreht sich im Kreis, wackelt mit dem Hintern. Mit Ästhetik hat das alles nichts zu tun. Aber mit Energie, die der Sänger wohl wiedergewonnen hat und nun an sein Publikum weitergibt.
»Neuland« und »Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht«, gehören zu den ersten Stücken des Programms. Zur Überraschung vieler spielt Grönemeyer die neue Singleauskoppelung »Der Weg« zu einem sehr frühen Zeitpunkt. In diesem Song beschreibt er das permanente Elendsgefühl, das der schmerzliche Verlust seiner Frau hinterlässt. Grönemeyer singt von Trennung, Tod, Einsamkeit, Abschied, aber auch ein wenig von Hoffnung und Zukunft.
Auch in »Mensch«, das er im vorderen Drittel des Sets platziert, leistet er musikalische Trauerarbeit, die stets glaubhaft bleibt. Grönemeyer, ein Mensch wie Du und ich? Ja, so scheint es. Und dafür lieben sie ihn auch. Irgendwie ist es Grönemeyer gelungen, sein persönliches Schicksal öffentlich werden zu lassen, es zu verkaufen, es auch ein Stück weit zu vermarkten, ohne dass es an Authentizität verliert. Das verdient Anerkennung.
Die musikalische Retrospektive des Künstlers beinhaltete unter anderem »Männer«, »Alkohol«, »Chaos« oder »Flugzeuge in meinem Bauch«. Besonders ausdrucksstark brachte Grönemeyer den Titel »Bochum« zum Vortrag. Und spätestens bei »Was soll das?« musste der Deutschrocker nicht mehr mitsingen, das erledigten die Fans.
Reutlinger General Anzeiger
Last modified 18.03.2003 16:07