Jammertal hat geschlossen
Ausgelassen tobte Herbert Grönemeyer am Sonntag zum Start seiner Deutschlandtournee über die Bühne der Stuttgarter Schleyerhalle. 12 000 Fans bejubelten den fast dreistündigen Auftritt des 46-Jährigen.
Der Star aus "4630 Bochum" (Albumtitel) spielte Songs seiner neuen Platte und auch alte Hits seiner mehr als 20 Jahre dauernden Karriere. Motto: "Das Beste von Gestern bis Mensch".
Unterstützt wurde Grönemeyer von etwa einem Dutzend Musikern, darunter ein kleines Streichorchester. Schon mit dem ersten Lied schlug Grönemeyer einen schwungvollen Takt an: Er hüpfte über den Laufsteg, wirbelte seine Arme durch die Luft, brüllte ins Mikrophon. Energie geladen, gut gelaunt und aufgeweckt wirkte der Mann. "Guten Morgen, Stuttgart" lautete denn auch seine Begrüßung.
"Herbie, Herbie" riefen die Fans aus den ersten Reihen. "Das bin ich", rief der freudig zurück.
Deutschlands Rockmusiker Nr. 1 hatte bei seinem ersten Auftritt nach mehrjähriger Bühnenpause keine Berührungsängste: Grönemeyer marschierte direkt in die Menge hinein, streckte den Massen das Mikro entgegen, tanzte über einem Meer aus wogenden Armen.
Er nuschelte und grölte, lag mal einen Ton daneben oder veränderte kurzerhand den Text - aber darauf kommt es gar nicht an: "Das Jammertal hat geschlossen", sang Grönemeyer, und die Massen stimmten ein und feierten sich und ihn von der ersten bis zur letzten Minute.
Schlagartige kehrte allerdings Ruhe ein, als Grönemeyer mit zwei Liedern seiner 1998 an Krebs verstorbenen Frau Anna gedachte. Hinter sein Keyboard zog er sich dafür zurück, sang, wie er sich um die mit der Krankheit kämpfenden Geliebte dreht, stimmte "Der Weg" an und befand "Das Leben ist nicht fair". Die Feuerzeuge flammten auf, Wunderkerzen funkelten und Gänsehaut kletterte den Zuhörern den Rücken hinauf. Beim letzten Akkord brach das Publikum in tosenden Applaus aus, wie als wenn alle die Trauer ihres Idols wegklatschen wollten.
Westfälische Rundschau
Last modified 18.03.2003 15:29