Trauerarbeit und Party am Ufer des Feuerzeugmeers
Dieser Mensch polarisiert nicht. Dieser Mensch wird geliebt. Ohne Wenn und Aber. "Weil er irrt und weil er kämpft. Weil er hofft und liebt." Und weil wir dabei sein dürfen, ohne zu Voyeuren zu werden. Wenn er lacht, wenn er lebt. Wenn er leidet. Vier Jahre hat Herbert Grönemeyer auf den Bühnen gefehlt. Jetzt ist er zurück - mit 1,5 Millionen verkauften "Mensch"-CDs.
Der Mann hat Sogwirkung wie kein zweiter Künstler in diesem Land. Über 500 000 Tickets gingen für seine Tour "Das Beste von Gestern bis Mensch" über den Ladentisch, die Open-Air-Termine 2003 sind fast ausgebucht. Auch Leipzig, die vierte Station, war im Zeitraffer ausverkauft. Bis zuletzt hatten Kartenlose auf ein Wunder gehofft, per Internetauktion, Zeitungs-Annonce oder Anzeige am Mann: "Wer hat noch Tickets?", fragte es gestern auf unzähligen Pappschildern vor der Arena.
Jetzt steht er, präsentiert von unserer Zeitung, vor 10 000 Glücklichen in der Arena und badet in liebevoller Zudringlichkeit: Grönemeyer, der "Volksherbert". Das fast zweieinhalb Stunden lange Konzert beginnt mit "Blick zurück". Blaulicht-Impressionen, zackiges Winken in die Menge. Die Stimme hat deutlich zugelegt. Der Entertainer muss sich noch finden. "Komm in die Gänge" fordert er in seinem Stück auf den Osten der Republik, "Neuland". Und Herbert kommt, dringt auf Metallstegen tief zwischen die winkenden Arme, holt sich bei "Viertel vor" ein Päckchen Schokoküsse ab, stolziert, wackelt, feiert, im Wunderkerzenlicht bei "Ich dreh mich um dich."
Da, plötzlich, verschwindet das Lied in ohrenbetäubendem Rauschen. "Kommt davon, wenn man zu viel Technik dabei hat", meint Grönemeyer und bietet gleich eine Diagnose an: "Das ist der Sender vom Keyboard. Hat jemand ein Kabel dabei?" - "Peinlich" sei ihm das. Der Saal jubelt den Hänger weg. Und die Ikone mit Bodenhaftung schenkt sich zurück: Ausgelassen, ausgehungert sucht er sein Publikum, flirtet in seinem Liebeslied an Bochum: "Du bist keine Weltstadt wie Leipzig". Nutzt eine Stimmpause seiner Band, um die Fans zu Stimmübungen zu animieren: "Mi, mi, miiiie! - Thomanerchor, wa?", lobt er, um dann zu kritteln: "Ihr sollt den Ton halten!"
Die Party ist an diesem Abend kein Dauerzustand. Schlagartig kehrt Ruhe ein, als Grönemeyer seiner 1998 verstorbenen Frau Anna gedenkt. Hinter sein Keyboard zieht er sich für die Bewältigungs-Ballade "Der Weg" zurück. Trauerarbeit am Feuerzeugmeer. Selbst Abgeklärten klettert Gänsehaut den Rücken hinauf. Da liegt eine Seele vor Tausenden bloß, doch niemand käme auf die Idee, hier Psycho-Striptease zu unterstellen. Denn Grönemeyer, der Schauspieler, ist auch als Sänger ein guter Dramatiker, der sich selbst - trotz allem - nicht zu ernst nimmt: Die Leinwand im Hintergrund zeigt blauen Himmel, im Raggae-Rhythmus folgt der Hit dieses Sommers, "Mensch".
Unterstützt von drei Gitarristen, einem Klassemann am Saxophon und einer Streichergruppe geht es durch 20 Jahre Popgeschichte. "Männer" feiert Grönemeyer so druckvoll, dass sich selbst bei den Exemplaren von der Security ein Lächeln ins Gesicht mogelt. "Halt mich" nehmen die Verliebten im Publikum als Aufforderung. "Alkohol" gerät zur Orgie. Bei "Fanatisch" schleicht Grönemeyer wie eine Katze um seine Beute. Erst nach einem halben Dutzend Zugaben ist Schluss. Grönemeyer ist zurück. Es wurde auch Zeit!
LVZ online
Last modified 18.03.2003 16:25
ein unvergesslicher Abend ... Bei den Gedanken daran überkommt mir heute noch der Schauer