Selbst der Mond spielt mit
Frühlingserwachen für Superstars. Wohlgemerkt für die echten Superstars, die in diesen Tagen unter freiem Himmel rocken. Zum Beispiel für einen wie Grönemeyer, einst vom Erfolg verwöhnter Schauspieler und Sänger, dann vom Schicksal tragödienhaft gebeutelt und im vergangenen Jahr mit neuem Mut und stärker aus grauer Trauer mit "Mensch" ins gleißende Rampenlicht zurückgekehrt.
Jetzt ist er nach 1,5 Millionen verkauften "Mensch"-Alben, einem Hype, der selbst "Bochum" wieder mit Macht in die Charts drückte, und einem Intermezzo als Theatermusiker für Robert Wilsons Berliner "Leonce und Lena"-Inszenierung also auf großer Open-Air-Tournee durch Stadien. 30 000 in Bochum, 43 000 in Karlsruhe, 60 000 in Nürnberg - nur der Anfang. Enorme 1,5 Millionen Zuschauer sollen am Ende seine "Das Beste von gestern bis Mensch"-Zeitreise erlebt haben, wenn Herbie am 7. Juli im Stuttgarter Daimler-Stadion den Schlusspunkt setzen wird.
Dem Zufall überlässt der Sänger nichts. Zwei Stunden vor dem Konzert läuft er selbst noch durch das Stadion, überprüft, ob seine Fans einen schönen Abend erleben werden, denn "ich bin der Gastgeber". Selbst die Sprechchöre werden Minuten vor dem sehnlichst erwarteten Auftritt kanalisiert. Aus den Boxen wird eine Lawine mit Herbert-Rufen ins Rollen gebracht.
Punkrockige "Männer"
Eigentlich unnötig, denn bei seinem Auftritt, einem Bad in der Menge zu den Beats von "Blick zurück", steht die Menge längst Kopf. Mensch ist der Mensch, dieser Herbert. Den Fans zum Greifen nahe tänzelt er über einen langen Laufsteg, als hätte er vom Komiker Otto Tanzunterricht bekommen, überzieht seine Gestik und Mimik wie ein Stummfilmakteur, um selbst die Fans ganz hinten auf den Rängen noch persönlich erreichen zu können. Er ist der Mutmacher, der Gefühleverdichter, der Kumpel, der in Worte fassen kann, was man selbst gerne sagen oder schreiben würde, und dafür schenkt ihm die begeisterte Menge La-Ola-Wellen.
Und unter freiem Himmel stimmt im Gegensatz zur Hallentour auch die Dramaturgie. Die Songfolge speist die sowieso schon ungeheure Euphorie. Intensiv ist sein "Bochum", nahe am Punkrock sein "Männer", ein kollektives Erlebnis die neue deutsche Hymne "Mensch" mit einem aufgeblasenem Eisbär - unnötiger Firlefanz - auf der Riesenbühne.
Hier geht es nicht um aufwändige Videoprojektionen und den Glitzerregen in "Mambo", sondern nur um Musik. Das von Streichern getragene, wehmütige "Der Weg" mit dem danach kurz in sich gekehrten Grönemeyer berührt, in "Fanatisch" gibt er wieder den Opernstar. Besonders gefeiert werden "Alkohol" - mit starkem Sax-Solo - und das nach langer Abstinenz wieder ins Programm genommene "Musik, nur wenn sie laut ist".
"Bleibt Mensch. Bleibt wie Ihr seid, vielleicht ein kleines bisschen besser", verabschiedet sich Grönemeyer nach mehr als zwei Stunden, um dann noch für einen Berg Zugaben zurückzukommen. Luxus, Flugzeuge im Bauch, Vollmond, Demo - alles was das Fan-Herz begehrt. Sogar "Mensch" wird wiederholt, im quicklebendigen Reggae-Format. Ganz am Ende Herbert allein am Klavier. Licht aus. Spot an. "Der Mond ist aufgegangen." Wahrlich, bei Grönemeyer sind selbst himmlische Mächte mit im Spiel.
Südwest Presse
Last modified 01.06.2003 10:08