Das Hohelied der Heiserkeit
Seit 18 Jahren wissen wir, was ihn empört: „Wie man an einen solchen Schwamm / sein Herz einfach verschleudern kann — was soll das?“ So was zu singen, rächt sich. Sichtbar um ein paar Pfunde schwerer als gehabt, wippelte Herbert Grönemeyer am Samstag im Frankenstadion auf die Bühne. Doch immerhin, auch mit deutlichem Doppelkinn zieht er noch viele hin. Rund 50 000 Menschen pilgerten zum Konzert des Deutschrockhektikers, der zuletzt eher mit privaten Tragödien aufwühlte, denn mit Musik. Bis ihm letztes Jahr „Mensch“ einfiel. Was gefiel.
Der Sänger hat also viel durchgestanden in letzter Zeit. Und mit ihm offenbar auch sein Publikum. So was schweißt zusammen, mehr noch, es gibt Kraft, selbst „Creutzfeld Jakob“ zu überleben. Diese Vorgruppe, die nicht nur einen ungesunden Namen trägt sondern auch unter wenig erbaulichem Rap-Ausfluss leidet, war erfreulicherweise nur ein flüchtig Ding. Für Grönemeyer tickten die Uhren. Ein gut zweieinhalbstündiges Programm begann gegen 20.30 Uhr. Fast beiläufig.
„Blick zurück“, das sphärisch angelegte Stück, zu dem der Held des Abends aus dem Publikum heraus Richtung Bühne tänzelte, war programmatisch als Annäherung an das abendfüllende Thema zu verstehen. Falls man denn überhaupt etwas verstand. Denn gesanglich blieb Grönemeyer wieder ein Getriebener, der vor allem bei den schnellen Stücken mit hoher Stimme dem Takt mal voraus, mal hinterherhetzte.
Was zweierlei bedeutete: Entweder man ahnte, was gespielt wurde, weil man tausendmal gehörte Gassenhauer wie „Männer“, „Bleibt alles anders“ oder „Musik, nur wenn sie laut ist“ noch im Schlaf erkennt. Oder, man begegnete dem Ganzen gleich mit der Devise aus dem neuen Stück: „Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht“.
Geheult hat wohl niemand, geschluckt schon eher, als Grönemeyer dann „Der Weg“ sang. Kann man sagen, dass er wie ein Maler, der mit all seinen Werken eigentlich immer nur auf das eine, absolute Bild hinarbeitet, mit diesem Abschiedslied an seine tote Frau Anna genau das Lied geschrieben hat, das er mit ähnlich konzentrierten Balladen wie „Halt mich“, „Flugzeuge im Bauch“ oder „Morgenrot“ immer schon gemeint hat? In stilleren Stücken kommen die Vorzüge von Grönemeyers Stimme im Konzert noch am ehesten zum Tragen.
Die von der Brauerei
Wundersame Momente waren rar. Es gab sie dennoch: Als 50 000 überwiegend fränkische Fans zum Beispiel gröhlend behaupteten, „Bochum, ich komm aus dir“, während mobile Bierverkäufer als eine Art brauereigesteuerter Teletubbies, mit Fass und Schläuchen behängt, das Publikum durchstreiften, sorgte das für beeindruckende Minuten.
Grönemeyer selbst? Der reagierte auf das Stadion-Ambiente mit reichlich Beinarbeit im Sportgewand — wir wissen ja, „Männer baggern wie blöde“. Musikalische Unterstützer in der Zahl einer Fußballmannschaft samt Auswechselspieler hatte er auch dabei. Neben einer üppig besetzten Rockband leistete sich Grönemeyer, der mitunter Keyboard spielt, gar noch ein kleines Streichorchester, das gut eingebrachte Arbeit tat.
Einer anderen Art von Kitsch gegenüber schien der Musiker, der auch Schauspieler ist, dagegen nicht resistent zu sein. Auf den Monitoren seiner Großraum-Disco-Bühne durften virtuelle Herzen zerspringen und zu „Mensch“ ließ er einen rund zwölf Meter hohen Riesen-Eisbären aufpumpen . . Wie viel Schnickschnack braucht die Kunst?
Womöglich besteht Grönemeyers größter Verdienst darin, erreichbar geblieben zu sein. Nicht nur mit vergleichsweise günstigen Karten. Die Lieder, so zusammengestöpselt ihre Texte oft auch daherkommen, erzeugen selbst in einem Monstrum von Stadionbau immerhin noch so was wie wärmenden Widerhall. Für einen Sänger, der nicht singen kann, bewirkt er eine Menge.
Nürnberger Zeitung
Last modified 27.05.2003 15:25