Skip to content.

Herbert Grönemeyer

Personal tools

Mensch und Masse

Document Actions
Herbert Grönemeyer in Zürich

Vor einer Woche zauberte Bon Jovi Euphorie ins Letzigrund, jetzt begeisterte Herbert Grönemeyer seine Fans. Doch der Applaus war völlig anders: Während beim amerikanischen Softrocker der Jubel von Anfang bis Schluss rauschhaft durchhielt, hörte man beim 47-jährigen Deutschrocker aufmerksam zu und differenzierte die Emotionen.

«Sommerträume liegen vor der Tür» - und dort blieben sie, wie in der Zeile des Eingangsstücks, vorerst denn auch. Technische Probleme hatten den Beginn des Konzertes verzögert, dann plagten Grönemeyer Probleme mit seiner sperrigen Stimme. Doch das legte sich, bald singt er gelöst, später auch mal opernhaft oder mönchisch-gregorianisch; dass er seinen nahezu 20-jährigen Klassiker «Männer» richtiggehend blökt, passt zum Thema, und das Publikum singt schmunzelnd mit. Im Stück «Der Weg» nimmt Grönemeyer Abschied von seiner an Krebs verstorbenen Frau - andächtige Stille, dann langsam anschwellender Applaus. Und schon bläht sich ein riesiger Eisbär auf und es folgt der Hit: «Mensch», Titelstück des letztjährigen Albums, mit dem der damals etwas in Vergessenheit geratene Songschreiber nicht nur seine Trauer verarbeitete, sondern auch triumphale Rückkehr feiern konnte. Die Bestätigung kam jetzt: Trotz dem ausverkauften Hallenstadion-Auftritt von letztem November waren auch die 44 000 Plätze für dieses Konzert im Letzigrundstadion bereits im Dezember verkauft. Mit der Zurückhaltung im Publikum war es von da an vorbei; im Takt zur satt spielenden Band schwingt es die Arme und intoniert verzückt Grönemeyers Plädoyer für die Vielfältigkeit des Menschen mit: «Mensch heisst Mensch, weil er irrt und weil er kämpft, weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt.» «Alles bleibt anders»: In der Tat - denn programmlich und stimmungsmässig glich der jetzige Auftritt stark jenem im Hallenstadion. Die «Flugzeuge im Bauch» brachten das volle drei Stunden dauernde Konzert zum Höhepunkt, und Grönemeyer genoss die Wirkung seiner Musik sichtlich. Schliesslich will er erklärtermassen «Energien vermitteln - leidenschaftlich und massiv und wütend und heiter». Das glückte hier nicht zuletzt deshalb, weil Grönemeyer die üblichen Publikumsanimationen mit deutlicher Ironie veranstaltet. Im Unterschied zu Bon Jovi sieht er seine Fans nicht als uniforme Masse, sondern als Individuen - als jene charismatisch besungenen Menschen eben, ohne die seine Musik sinnlos wäre. So kam an dem Abend nicht nur klimatische, sondern herzliche Wärme ins Stadion.



Created by tom | Contributors : Markus Ganz
St. Gallener Tagblatt
Last modified 07.09.2003 02:49