Wohlfühlen mit Schmerzen
Der Regisseur Robert Wilson, der rund um neue Songs von Herbert Grönemeyer kürzlich „Leonce und Lena“ in Berlin inszenierte, beurteilt die Fähigkeiten des Bochumers so: „Er kann über Schmerzen singen, und wir fühlen uns wohl.“
Wilson hat natürlich recht. Wie Grönemeyer den Krebstod seiner Frau Anna vor vier Jahren langsam überwand, durch die Liebe zu seinen Kindern, aber auch zur Musik, das nötigt Respekt ab. Wie er seinem Lebensmenschen Abend für Abend mit dem Lied „Der Weg“ ein zartes Denkmal auf die Bühne setzt, das nötigt so viel Respekt ab, dass einem die Luft wegbleibt: „Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet . . .“ Im vollen Linzer Stadion, wo Grönemeyer am Freitag seine Österreich-Tournee begann, war dieses Lied der mit Abstand bewegendste Moment. Das Publikum trug Grönemeyer und sich selbst mit Jubel über die Trauer hinweg. Es tat weh und tat doch gut. Und es wirkte fast ein wenig obszön, dass hier jemand fast 30.000 Menschen seine nackte Seele zeigte.
Zweieinhalb Stunden stand Grönemeyer in Linz auf der Bühne, spielte Hit auf Hit („Männer“, „Was soll das“), Chanson auf Chanson („Land unter“, „Zum Meer“), rockte („Alkohol“), rollte („Mambo“), schmalzte („Flugzeuge im Bauch“) und schmachtete („Halt mich“). Und er lieferte seine pointierten, niemals billigen politischen Songs ab: „Neuland“.
Grönemeyer badete im Jubel, mit weit ausgebreiteten Armen, als stünde er im warmen Sommerregen. Und wirkte dabei niemals eitel, sondern wie einer, der soviel Liebe zu sich nimmt, wie er nur runterkriegen kann.
Grönemeyer hätte bei einer modernen Casting-Show keine Chance, urteilt Dieter Bohlen, der selbst bei einer solchen chancenlos wäre. Aber natürlich hat er recht. Grönemeyers Gesang hört sich oft so an: „Gnbgn hmmgnh rrrfftgllg lgn mnn“. Und das konnte in Linz z. B. heißen: „Alkohol ist das Dressing zu meinem Kopfsalat“. Aber: Jedes „Hmmgnh“ von Grönemeyer sagt mehr aus als alle 13 Modern-Talking-Alben zusammen. Und alle wissen das, auch Bohlen und Grönemeyer.
Am Ende das Lied, das er nur in Österreich singt, wo man ihn nicht „Herby“, sondern „Gröni“ nennt: „Ich hab dich lieb“. Eigentlich ein trauriges Stück: „. . . ich hab dich lieb, so lieb, auch wenn du nicht an mir hängst“. Wohlfühlen mit Schmerzen. Samstag im Happel-Stadion, am 7. Juni auf dem Salzburger Residenzplatz.
Last modified 29.08.2003 00:54